Artikel des Jahres 2009


Berliner Typostammtisch 08/09: Zusammenfassung

Dan Reynolds und Karl-Heinz Lange
Dan Reynolds und Karl-Heinz Lange im Gespräch über Langes »Schrift: schreiben, zeichnen, konstruieren, schneiden, malen.« [Foto: Florian Hardwig, mehr Bilder bei Flickr]

Dass der jüngste Berliner Typostammtisch ein ganz besonderer Abend war, ist mittlerweile zu einer Phrase geworden, die in jedem Rückblick treffend ist und daher nach einer sparsamen Verwendung verlangt. Dass es diesmal nicht nur gewohnt inhaltlich, sondern außerdem in der persönlichen Bedeutung des Referenten ein solcher war, ist da schon seltener. Schließlich trat Karl-Heinz Lange mit einer außergewöhnlichen Bitte an mich heran: anlässlich seines 80. Geburstages seinen allerletzten Vortrag im Rahmen unserer typografischen Hauptstadtrunde halten zu dürfen. Klar, dass man einem der anerkanntesten deutschen Schriftgestaltern eine solche Bitte weder abschlagen kann noch überhaupt möchte. Diese dem Typostammtisch zu Teil gewordene Ehre wussten auch derart viele Interessenten zu schätzen, dass beim 15. Mal erstmalig die Marke von 50 Gästen geknackt wurde.

Karl-Heinz Lange und Indra Kupferschmid
Die wieder mal weit angereiste Indra Kupferschmid überreicht Karl-Heinz Lange einen Blumenstrauß [Foto: Florian Hardwig, mehr Bilder bei Flickr]

Ausgehend von seiner Kindheit in Ostpreußen, einem krankheitsbedingten Aufenthalt in Wernigerode mit ersten künstlerischen Aktivitäten, über die Studienzeit in Halle und Leipzig, seine Lehrtätigkeiten in Magdeburg, Leipzig und Berlin, seine freischaffende Arbeit für Verlage – die ihm sogar einen seltenen Москвич bescherte –, bis hin zu seinen jüngsten Schriftveröffentlichungen bei Ole Schäfers Primetype konnten sich die Anwesenden ein zum Staunen anregendes Bild seines bisherigen Lebens machen. Da der wahre Profi selbstverständlich nicht ohne eine Zugabe auskommt, gab Lange sie im Anschluss an seine eigentlichen Ausführungen in Form einer prägnanten Lehreinheit zum Thema Buchgestaltung. Das Publikum war sich einig, die gezeigten Bildkompositionen und Layouts, die im Vergleich zu heute mit beschränkten technischen Mitteln entstanden, beeindruckt und mit einem Applaus würdigen zu müssen.

So ganz wird Karl-Heinz Lange jedoch noch immer nicht zur Ruhe kommen. Die im Rahmen seiner studentischen Abschlussarbeit entstandene und nie veröffentlichte Diplom-Antiqua will er nämlich unbedingt noch als digitale Schriftfamilie herausgeben. Bis es soweit ist, müssen wir wohl noch auf die Online-Broschüre der aktuellen »Lange Collection« ausweichen, die seit einigen Wochen von Primetype vertrieben wird.

Berliner Typostammtisch 08/09: Einladung

15. Berliner Typostammtisch
Grafik gesetzt in der PTL Superla Thin von Karl-Heinz Lange

Die Publicala von Karl-Heinz LangeEiner der erfahrensten Schriftgestalter der Republik schenkt der Berliner Typogemeinde etwas sehr persönliches: einen geschichtenreichen Abend. Und das, obwohl er eigentlich beschenkt werden müsste, feierte er doch unlängst seinen 80. Geburtstag. Karl-Heinz Lange, immer noch sehr aktiver und produktiver Designer, verspricht uns im Rahmen des 15. Berliner Typostammtisches unterhaltende Geschichten, Bilder und Schriften aus über 60 Berufsjahren [!] und rundet damit gewissermaßen seinen begeisternden Vortrag vor zwei Jahren ab. Karl-Heinz Lange während seines Vortrages im Oktober 2007Da unser Gast sich vorgenommen hat, damit ein allerletztes mal vor Publikum vorzutragen, wird dies vermutlich die letzte Gelegenheit sein, seinen Ausführungen live und in Farbe zu folgen, auch wenn er bis heute nach dem Motto »Fange nie an aufzuhören – Höre nie auf anzufangen« lebt.

Das g der Minimala von Karl-Heinz LangeWer dieses Highlight in der dreijährigen Typostammtisch-Geschichte auf keinen Fall verpassen will, sollte sich rechtzeitig am Donnerstag um 19 Uhr an bekannter Stätte einfinden. Dem Wunsch vieler Stammgäste entsprechend verzichten wir diesmal auf die Anmelde-E-Mail. Umso wichtiger ist daher aber die Pünktlichkeit, denn wer zuerst kommt, sitzt schließlich auch zuerst [oder überhaupt].

Designrolle rückwärts

Wer kennt das Gefühl nicht, wenn man mal wieder ungläubig an Anzeigen hängenbleibt, die einem irgendwie bekannt vorkommen, oder beim neuen Logo der Hausbank einem Déjà-Vu-Effekt unterliegt. Zitiert und kopiert wird nicht nur was gut ist, aber eben das besonders oft. Retrodesign ist modern und war es wohl auch schon immer. Nachdem der Verlag Hermann Schmidt bereits die halbe Blogszene mit einem Rezensionsexemplar des gleichnamigen Buches zu diesem Thema bedacht hat, durfte auch ich die 318 im schicken Kunstledereinband gebundenen Seiten in den Händen halten.

RetrodesignDie erst 25-jährige Sara Hausmann und ihr zwanzig Jahre älterer Agenturpartner Achim Böhmer versprechen nicht weniger als »eine analytische Zeitreise« und »raffinierte und überraschende Gegenüberstellungen«. Der Werbetext verspricht weiterhin, »ein kraftvolles „stylelab“ […], ein Destillat der Stile, Farben, Muster, Zeichen, charakteristischen Schriften, Layouts, Objekte und Bauten – als solide Grundlage für Ihr Retrodesign!«. Da sind wir auch schon beim eigentlichen Problem angelangt. So sehr ich meine Schwierigkeiten habe, die Nachricht des Werbetextes zu entschlüsseln, so sehr hatte ich meine Schwierigkeiten, die eigentliche Idee und Struktur des Buches zu verstehen. Ein Blick auf die erklärende Webseite des Buches sollte aber Licht ins Dunkel bringen. Eigentlich. »Die drei Module Retro Design, Retro Style und Retro Review formen das stylelab«. Das Stylelab? Muss man denn wirklich immer auf diese Verenglischerei zurückgreifen?

RetrodesignWas ich durchaus verstehe ist die gelungene Vorstellung der 18 wichtigsten Designstile: Dekonstruktivismus, Postmoderne, Punk, Pop, Space Age, Organisches Design, Schweizer Schule, Art déco, Konstruktivismus, Dada, Plakatstil, Art Nouveau, Japonismus, Arts and Crafts, Historismus, Klassizismus, Rokoko/Barock und Renaissance. In diesem Teil des Buches konnte ich noch einiges lernen, was mir bisher noch nicht so präsent war. Dieser Teil wird unter »Retro Style« zusammengefasst. »Retro Design« hingegen kann mich nicht so recht überzeugen, denn nicht immer sind die Gegenüberstellungen von Original und Adaption gut gelungen, gleichwohl die Idee hierbei sehr reizvoll ist. Auch wollen mir die »plakativen Aufmacherseiten« der jeweiligen Stile einfach nicht gefallen.

Der dritte Teil des Buches, »Retro Review« ist ähnlich kurzweilig und gar noch informativer als der zweite und zusammen vielleicht schon Kaufargument genug. Darin werden die entscheidenden Impulse für das Entstehen der vorgestellten Designströmungen beleuchtet. Das dürfte insbesondere für Studenten des Grafik- und Kommunikationsdesign von Interesse sein. Was regelmäßig bei Schmidt-Büchern und demnach auch hier überzeugt, ist die drucktechnische Qualität. Zu selten findet man heute noch geprägte Einbände aus Kunstleder oder schwarzem Blattschnitt in einem solch großzügigen Format [25,5 × 29 cm]. So wird sich das gute Stück auf jeden Fall hervorragend in meiner gerade aufgebauten Bücherwand machen. Inhaltlich bin ich hingegen immer noch etwas unentschieden. HD meint: »[…] ist allein […] die Bilderflut schon den Preis wert.« 818 Abbildungen sind in der Tat eine ganze Menge. Noch dazu in bestechender Qualität. Vielleicht hat man beim lokalen Buchhändler die Möglichkeit, ein wenig in »Retrodesign Stylelab« zu blättern. 89 €, die prinzipiell schon durch die aufwändige Recherche und Druckqualität gerechtfertigt sind, wollen schließlich wohlüberlegt ausgegeben werden.

Webfonts ins Radio und auf die Bühne!

Radio 1

Die viel diskutierten Webfonts haben die Blogs und Foren dieser Welt für einen kurzen Moment in Richtung öffentlich-rechtliches Radio verlassen. Sven Oswald und Daniel Finger haben mich zu diesem Thema für ihre Sendung Escape – Digitales Leben interviewt. Die Sendung, die ausnahmsweise aufgezeichnet wurde, wird heute um 14 Uhr auf Radio 1 des RBB ausgestrahlt. Typografische Themen werden im Radio – wohl schon aus rein visuellen Gründen – doch recht selten behandelt. Dabei gäbe es so viel mehr zu berichten. Wobei … das könnte sicher jede Interessengruppe, Branche oder Wissenschaft von sich behaupten. Radio 1 kann in Berlin und Brandenburg ganz normal übers heimische Stern-Radio empfangen werden, aber auch weltweit über Livestream.

Natürlich kann man in den drei Minuten, die einem das Format bietet, dieses komplexe und sich beinahe täglich neu erfindende Thema nicht wirklich ausreichend darstellen. Dennoch war das Interview eine sehr aufregende Erfahrung. Ich hoffe, die Problematik letztlich doch verständlich untergebracht zu haben. Eben das ist momentan wirklich nicht einfach, manövriert sich doch die Diskussion um die Zukunft der Schriftdarstellung im Netz in immer nebligere Gewässer. Ich habe mir deshalb vorgenommen, den aktuellen Status der Entwicklung demnächst hier im Fontwerk zusammenzufassen.

TypeCon 2009Einem vorläufigen Höhepunkt steuert diese Entwicklung auf der TypeCon2009 in Atlanta entgegen. Verschiedene Technologien stehen offensichtlich in den Startlöchern und werden die Schriftenbranche vor eine Kraftprobe stellen, wie sie sie wohl seit dem Durchbruch digitaler Fonts nicht mehr erlebt hat. Die Podiumsdiskussion »Web Font Embedding – The New State of the Debate« wird die wichtigsten Positionen miteinander konfrontieren und hoffentlich neue Erkenntnisse ans Tageslicht befördern. Aufregende Zeiten.

Berliner Typostammtisch 06/09: Zusammenfassung

14. Berliner Typostammtisch: Ludwig Übele

In gewohnt gemütlicher Atmosphäre trafen sich am vergangenen Donnerstag weit über 30 Schriftbegeisterte zur 14. Auflage des Berliner Typografiestammtischs. Nachdem wir einen gratulierenden Applaus zu unseren Offenbacher Brüdern und Schwestern im Geiste schickten, wo jüngst das fünfjährige Jubiläum gefeiert wurde, durften die Anwesenden gespannt den Ausführungen Ludwig Übeles lauschen. Ludwig ist freiberuflich arbeitender Grafikdesigner mit einem hervorragenden Talent für die Gestaltung von Schriften unterschiedlichen Charakters. Serifenlose, Textschriften, bis hin zu Ich-bin-doch-nicht-blöd-Hausschriften: alles kein Problem. Das, kombiniert mit einem umfangreichen Fachwissen, einer sehr sympathisch bedachten Art sowie einer oft ganz trockenen Sicht auf die Typodinge ließen den Abend nicht nur kurzweilig, sondern vor allem inspirierend werden. Nicht ohne Grund hat Ludwig vor allem im letzten Jahr in zahlreichen Hitlisten einen festen Platz eingenommen, zum Beispiel auf Typographica oder dem TDC.

14. Berliner Typostammtisch: Ludwig Übele

Wer übrigens keine Typostammtische der Republik sowie sonstige wichtige Termine verpassen möchte, sollte mal einen näheren Blick auf Dan Reynolds’ neuen »Type Meet-Up Calendar« werfen. Wer dann auch noch mehr Fotos von diesem und den vergangenen Typostammtischen sehen will, darf sich gern in unserer Flickr-Gruppe umschauen. Die hier gezeigten Fotos wurden freundlicherweise von Indra Kupferschmid [die extra aus Essen anreiste] und Florian Hardwig zur Verfügung gestellt.