Artikel im Juni 2009


In der Badewanne mit dem TypoJournal

TypoJournal

Darf man einen Artikel mit dem Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben beginnen? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass es ein Fehler war, das neue TypoJournal nicht zu bestellen, nachdem es vor knapp zwei Wochen auf den Markt kam. Mein »Problem« ist, dass ich derzeit etwas Magazin-müde bin und zudem noch einigen Lesestoff vor mir habe, zu dem ich partout nicht komme. Es warten sogar noch einige Bücher auf mich, die hartnäckig im Status eingeschweißt verharren. So musste mir Herausgeber Ralf Herrmann das Magazin, welches sich als Offline-Evolution des größten deutschsprachigen Typoforums versteht, schon persönlich auf dem Typostammtisch [Bericht folgt] überreichen. In der morgendlichen Badewanne habe ich es mir dann schließlich zu Gemüte geführt.

TypoJournal

Gleich zu Beginn überrascht mich der Beitrag zum Titelthema »Fundsachen«. Dort zeigen zahlreiche Typografie.info-Mitglieder ihre liebsten Typofundstücke. Mit dem Interview mit Barbara Dechant und Anja Schulze bekommt das Berliner Buchstabenmuseum ein Gesicht. Die Schriftfamilie Helsinki kannte ich bislang nur aus dem Netz und mobilisiert gedruckt weitere Kräfte. Georg Seiferts Graublau Sans als Fließtextschrift sowieso, auch wenn sie mir mindestens einen Punkt zu klein erscheint. Die Liberta von Friedrich Althausen, der ein umfangreicher Artikel gewidmet ist, stellt sich als eine bemerkenswerte Neuentdeckung dar. Ein hilfreicher Beitrag aus dem Typowiki macht im Magazin einen deutlich nachhaltigeren Eindruck als online. Ebenso der Buchtipp.

Fazit: Ein gelungenes Experiment, welches die Erwartungen voll erfüllt. Zwei Tipps möchte ich den Machern des Magazins jedoch noch auf den Weg geben: zum einen vermisse ich einen Heftrücken, allein schon, um meinen Noch-zu-lesen-Stapel besser im Griff zu haben. Zum anderen muss ich leider sagen, dass das Papier extrem ungehalten auf Badewannenwasser reagiert …

Design made in Germany

Design made in Germany

Sowas konnte hier nicht passieren: Fast gleichzeitig veröffentlichten Nadine Roßa und Patrick Sommer das erste Design made in Germany—Design Magazine. Ganz im Gegensatz zum TypoJournal geht es hier nämlich rein um die digitale Verbreitung der frohen Botschaft, genauer gesagt interessanter Projekte deutscher Agenturen, Grafikbüros und Designer. In Fallstudien wird deutschem Design auf den Grund gegangen.

Auch DMIG startet mit einer Art Designercrowdsourcing, indem eben jene Frage nach den Merkmalen typisch deutscher Gestaltung verschiedenen internationalen Fachleuten gestellt wird. Das Besondere ist, dass jeder Artikel von einem dritten Grafiker oder Gestalter umgesetzt wurde, was das Magazin angenehm auflockert und somit ganz nebenbei auf mehreren Ebenen inspirierend wirken lässt. Sowohl optisch als auch inhaltlich finde ich das Onlinemagazin sehr erfrischend. Das Konzept ist reizvoll und durchdacht, von Seite eins bis Seite 63.

Berliner Typostammtisch 06/09: Einladung

14. Berliner Typostammtisch

Und wieder hallt der Ruf der Buchstaben durch die Hauptstadt. Die »Mini-TYPO«, wie sie letztens von einem Besucher genannt wurde, lädt wieder einschlägig Interessierte zu einem Abend voller Serifen, Punzen und Oberlängen ein. Morgen Abend wird uns dann jemand Einblick in seine Arbeit gewähren, auf den ich mich als großer Fan seiner Arbeit sehr freue: Ludwig Übele, dessen Fonts nicht nur regelmäßig in sämtlichen Hitlisten auftauchen, sondern uns auch täglich über nahezu alle Medien von diversen bekannten Produkten überzeugen wollen. Die Plätze sind auch diesmal fast schon alle besetzt, für die wenigen Restplätze genügt noch fix die einfache Anmeldung per E-Mail.

Grafik gesetzt in Blaktur von House Industries

Mein Kind wird zehn!

10 Jahre Gabrowitsch.de
10-jähriges Website-Jubiläum, symbolisch dargestellt mit P22 Zaner One und One Xtras

Auf den Tag genau vor zehn Jahren schubste ich meine erste Website ins Netz. Mit dem eigenhändig in Netscape Composer erstellten Vorläufer dieser gerade betrachteten Seite wurde ich innerhalb meines persönlichen Umfeldes noch als Exot betrachtet. Unglaublich, wie dieses Medium seitdem in unserem Leben Platz genommen hat. Ich war seit meiner Online-Entjungferung, die in Form eines Besuchs der Website der Fantastischen Vier etwa drei Jahre zuvor stattfand [damals noch erreichbar über ein extrem langsames, aber lautes Modem sowie der Eingabe einer ewig langen CompuServe-URL], auf geradezu dämonische Weise von ihm fasziniert. Diese Begeisterung hält bis heute an.

1999 war Webspace noch ein kostbares Gut, so dass ich meine ersten Gehversuche auf dem Server meiner damaligen Hochschule machte. Dazu musste man dem entsprechenden wissenschaftlichen Mitarbeiter eine Diskette in die Hand drücken, der die darauf befindlichen Webdaten dann munter auf den Uniserver kopierte. Bei jedem einzelnen Update …

Am 14. Juni 1999 tanzten also erstmals die animierten GIFs über den dezent dunkel gekachelten Hintergrund, mit negativer Times New Roman wurden die fälligen Botschaften in die Welt posaunt. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, knapp fünf davon mehr oder weniger in Blogform. Zehn Jahre aktiven Auslotens der Möglichkeiten weltweiter Vernetzung. Zehn Jahre des privaten Globalpublizismus. Zehn Jahre des Ausreizens technischer und inhaltlicher Möglichkeiten. Zehn Jahre, in denen ich viel über das Medium gelernt habe. Und über mich selbst.

10 Jahre Gabrowitsch.de2009 sieht meine Internetwelt so aus: Zeit ist mit 30 Jahren deutlich kostbarer geworden, als sie es noch im zarten Alter von 20 war. Praktische Spielereien mit den neuesten technologischen Entwicklungen sind einfach nicht mehr drin. Allein ein neues Design der Website ist auf mittelfristige Sicht nicht machbar. Auch inhaltlich ist es schwer geworden, Schritt zu halten. Dabei mangelt es keinesfalls an potenziellen Themen und Ideen. Im deutschsprachigen Bereich ist das typografisch-fachliche Angebot an lesenswertem Futter zudem sehr übersichtlich geworden. Will heißen, dass heute eigentlich die beste Zeit für entsprechenden textlichen Ausstoß ist. Doch diese wertigen Beiträge entstehen leider nicht beim halbstündigen Morgenkaffee. So kommt mir der aktuelle Massentrend der 140 Zeichen gelegen. Die Themen werden in Tweets nicht mehr intensiv vorgestellt, ausgeweitet oder bewertet, sondern vielmehr quantitativ statt qualitativ und überhaupt gezwitschert. Auf zwei Twitterkanälen befriedige ich schnell und dreckig das eigene Mitteilungsbedürfnis: privat auf twitter.com/fontwerk und beruflich auf twitter.com/FontFont. Dann und wann erscheint sogar noch ein Beitrag in der Tradition alter Zeiten im Fontblog bzw. im FontFeed, aber das kann man alles auch an einer Hand abzählen. Auch im ehemals regelmäßig und eine Zeit lang sogar ausschließlich von mir bedienten Fotobereich habe ich mich längst entschleunigt und bin auf die analoge Fotografie umgestiegen. So passiert dieser Bereich quasi nur noch unbemerkt, weil fernab des globalen Netzes. Eine paradoxe Situation, denn prinzipiell steigen die eigenen Ansprüche gleichzeitig mit den Erfahrungen, dem Wissen und den Ideen — aber leider eben entgegengesetzt zum vorhandenen Freizeitrahmen.

So muss man bei einem solchen Jubiläum auch fragen dürfen: wird es in zehn Jahren die Website immer noch geben? Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass ich morgen einfach alles stoppe oder gar lösche, um nur noch passiv am Webgeschehen teilzunehmen. Es kann aber auch sein, dass ich morgen genauso gut mit einem regelmäßigen Typo-Videocast, einer neuen zweisprachigen Artikelreihe oder aufwändigen Schriftenportraits an den Start gehe. Ich weiß es wirklich nicht. So bleibt mir nur, die vergangenen zehn Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen und einzusehen, dass letztlich wohl auch dieser Artikel in 140 Zeichen hätte Platz finden können.

Vielen Dank für die mir und meinen Themen bisher geschenkte Aufmerksamkeit.