Artikel des Jahres 2008


Die besten Schriften 2008

Auch zum Ende des aktuellen Jahres möchte ich mit einer typografischen Retrospektive auf die interessantesten Neuerscheinungen digitaler Schriften blicken. 2008 war ein ähnlich gutes Jahr für die Freunde der Buchstaben und Zeichen wie das Jahr zuvor. Einige sinnvolle und schöne Schriften wurden gleichermaßen von etablierten wie aufstrebenden Foundries veröffentlicht. Daraus eine Auswahl von zehn besonders bemerkenswerten zu wählen, ist eine Herausforderung, der ich mich aber gern und vor allem ungefragt stelle.

[imaginärer Trommelwirbel] Sehen Sie hier also, meine lieben Leser, die Top Ten der besten Schriften des Jahres 2008:

  • Capsa von Dino dos Santos [DSType]
    Capsa von Dino dos Santos
    Ich habe ein Herz für bibliophile Schriften. Wenn diese dann noch verschwenderisch mit Ligaturen umgehen, sich Zierbuchstaben gönnen und sich mit vielen nützlichen Ornamenten schmücken, ist die vornehme Zurückhaltung auch schon dahin. Capsa vom talentierten portugiesischen Gestalter Dino dos Santos ist eine Schrift von eben solchem Schlage und für mich eine der Entdeckungen des Jahres. Ihre relativ unruhige Kursive schafft es, nicht störend, sondern elegant zu wirken. Es ist aber vor allem die Kontraststärke der Aufrechten, die ihr einen ganz eigenen Charakter gibt. Eine hervorragende Wahl für das Setzen eines Buches.*
  • FF Trixie HD von Erik van Blokland [FontFont]

    FF Trixie High Definition Typewriter Fonts von FontFont auf Vimeo
    [Video: Erik van Blokland, Musik: Just van Rossum]

    Die Trixie ist die wohl berühmteste digitale Schreibmaschinenschrift der Welt und bereits 17 Jahre alt. 2008 wurde sie unter Berücksichtigung der Möglichkeiten des OpenType-Formats einer kompletten Überarbeitung unterzogen. Was wir heute vor uns haben, ist quasi eine völlig neue Schrift und gehört daher zu Recht in diese Top Ten der Neuerscheinungen. Sie besteht aus über 14 Millionen Punkten und derart vielen Dateiinformationen, dass jeder der Pro-Fonts je eine Dateigröße von über 13 MB hat – Rekord! Ihr Gestalter ließ die Punkte automatisch von einem Skript zählen. Es benötigte dafür sieben Stunden. Die unzähligen Alternativen [sieben pro Buchstabe in der FF Trixie HD] und OpenType-Features wie zum Beispiel automatisches Grundlinienhüpfen oder Farbbandeffekte lassen das typografische Herz erfreuen. Erik van Blokland hat hier die perfekte digitale Imperfektion erschaffen.
  • Archer von Jonathan Hoefler, Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan
    [Hoefler & Frere-Jones]
    Archer von Hoefler & Frere-Jones
    Die Archer ist eine Slab Serif, die bereits 2001 exklusiv für das Martha Stewart Living Magazine gestaltet wurde. Seit diesem Jahr ist sie nun auch im normalen Retail-Handel verfügbar. Slab Serifs prägen nicht nur die amerikanische Magazinlandschaft seit Jahren, sondern seit einiger Zeit auch die hiesige. In der wie Pilze aus dem Boden schießenden Masse dieser Art Schriften ist die Archer die vielleicht femininste. Sie besticht durch ein selbstbewusstes, aber zugleich zurückhaltendes Design.
  • FF Netto von Daniel Utz [FontFont]
    FF Netto von Daniel Utz
    Daniel Utz’ Debütschrift schlug in diesem Jahr ein wie eine Bombe. Sind es die alle historischen Wurzeln verleugnenden reduzierten Formen? Ist es die minimal moderne Anmutung? Sind es die hilfreichen, auf den kleinsten Nenner gebrachten Icons und Piktogramme? Wahrscheinlich ist der Grund für ihren Erfolg von allem etwas. Die FF Netto eignet sich bestens als Web-2.0-Logoschrift, für ein Bandlogo auf einem Plattencover oder für ein mittelgroßes Wegeleitsystem. Man ist doch erstaunt, wie weit man bei der Detailreduzierung von Piktogrammen gehen kann, ohne Aussagekraft zu verlieren.
  • Bree von Veronika Burian und José Scaglione [TypeTogether]
    Bree von Veronika Burian und José Scaglione
    Die Bree ist eigenartig. Sie will eine Sans Serif sein, versteckt jedoch nicht ihre handgezeichnete Extravaganz. Ihre Aufrechten sind geprägt von typisch kursiven Merkmalen. Das alles gibt ihr ein erfrischendes Antlitz. Ein durchdachter Ausbau feinster OpenType-Features, zum Beispiel Alternativbuchstaben und Ziffernsätze, gepaart mit einem umfangreichen Sprachausbau komplettieren diese außergewöhnliche Schrift. Mit TypeTogether von Veronika Burian und José Scaglione wächst eine viel versprechende Foundry heran, die man zukünftig auf dem Schirm haben sollte.
  • Giorgio von Christian Schwartz [Schwartzco]
    Giorgio von Christian Schwartz
    Das Modemagazin T der New York Times nutzte die Giorgio des sympathischen Christian Schwartz zuerst. Genau dort passt sie auch hin: neben eitle, grazile, surreal schöne Models voller Anmut. Mit diesen Adjektiven kann man wohl auch am ehesten die Giorgio beschreiben. Eine Headline-Schrift, die sich nicht mit einer Headline zufrieden gibt, sondern immer mehr will. Großes Typokino.
  • History von Peter Biľak [Typotheque]
    History von Peter Bilak
    [Bild: Matúš Bence]
    Peter Bilaks History beruht auf der Idee, eine versale Schriftfamilie zu gestalten, die durch gemeinsame Schriftdicken gekennzeichnet und metrisch so aufeinander abgestimmt ist, dass sie in vielfältiger Art und Weise kombiniert werden kann. Dadurch ergeben sich nahezu unendliche Kombinations- und Gestaltungsmöglichkeiten. Viele Jahre arbeitete Peter Bilak mit Unterstützung von Eike Dingler, Ján Filípek, Ondrej Jób und Ashfaq Niazi an dieser riesigen Familie. Entstanden ist eine nützliche Konzeptschrift, die zum Spielen anregt. Allein schon deshalb in den diesjährigen Top Ten.
  • Carmen & Carmen Fiesta von Andreu Balius [Typerepublic]
    Carmen von Andreu Balius
    An der Carmen reizt mich insbesondere die Kombinationsmöglichkeit mit der Carmen Fiesta. Während die eigentliche hochkontrastige Variante einem Text Eleganz verpasst, ist die Fiesta das extravagante Pendant für Headlines und besondere Auszeichnungen. Ornamente und Symbole lassen auch hier der Fantasie freien Lauf.
  • Comenia von František Štorm, Tomáš Brousil und Radana Lencová [Storm Type]
    Comenia von František Štorm, Tomáš Brousil und Radana Lencova
    Die Comenia besteht aus 19 Einzelschnitten: Regular, Italic, Bold und Bold Italic der Serifenversion, die selben Schnitte plus einer Medium und Medium Italic für je die serifenlose Version und die Sans Condensed sowie drei Script-Schnitte. Es wurde beispielsweise darauf geachtet, dass die Sans Serif mit der Serif die Höhen der Groß- und Kleinbuchstaben gemein haben sowie die Längen der Ober- und Unterlängen. Dieses umfangreiche typografische System bedurfte gleich drei Schriftgestalter, die sich die Erschaffung neuer ästhetischer Standards mit verbesserten Leseeigenschaften speziell für Schüler und Studenten zum Ziel setzten. Dem Gestaltungsprozess gingen umfangreichen Forschungsaktivitäten im Bereich der Ergonomie des Schreibens, Lesens, Druckens und Digital Publishings sowie der historischen Schriftentwicklung voraus. Eine sehr gelungene umfangreiche Schriftfamilie.
  • Klavika Condensed von Eric Olson [Process Type Foundry]
    Klavika Condensed von Eric Olson
    Die originale Klavika gehört zu meinen Lieblingsschriften, ich bin hier also zugegebenermaßen etwas voreingenommen. Die nun von Eric Olson vorgelegte Klavika Condensed gefällt mir aber sogar nochmal ein kleines Stück besser als das Original, auch wenn man natürlich beide nicht miteinander vergleichen kann, sondern im gemeinsamen Kontext betrachten sollte. Ursprünglich als Custom Font für Chevrolet entstanden, schafft es die Condensed, die Funktionalität und Wirkung ihrer großen Schwester beizubehalten und trotzdem gleichzeitig eine Lücke in der Gesamtfamilie zu schließen. Ihr sinnvoller Ausbau in Light, Regular, Medium, Bold und den jeweils passenden Kursiven macht die Klavika Condensed aber dennoch auch als unabhängige Kleinfamilie interessant.

Puh … das sind also, die aus meiner Sicht besten Schriften des Jahres. Die Herausforderung, sich dabei lediglich auf zehn zu beschränken, war in der Tat groß. Schriften wie die unglaublich reizvolle FF Pitu von Łukasz Dziedzic [FontFont], die indisch beeinflusste Shabash von Göran Söderström [PSY/OPS], die Textschrift Expo Serif von Mark Jamra [TypeCulture], die vom TDC ausgezeichnete FF Tisa von Mitja Miklavčič [FontFont], die OpenType ausreizende FF Nuvo von Siegfried Rückel [FontFont] oder die halbmodulare Geogrotesque von Eduardo Manso [Emtype] hätten gut und gern und vor allem zu Recht ebenfalls in der Liste auftauchen können und vielleicht sogar müssen und wurden von der einköpfigen Jury nur ungern und nach einem anstrengenden inneren Disput vorenthalten. Aber so mögen wir Typografen das. Man stelle sich nur mal den umgekehrten Fall vor. Vielen Dank also, ihr fleißigen Schriftgestalter, für ein wirklich kreatives Jahr.

*Für den doch etwas konventionelleren Typografen sei an dieser Stelle einer meiner Lieblings-FontFonts empfohlen, den es seit diesem Jahr endlich in der überarbeiteten OpenType-Variante gibt: die FF Clifford.

The End of Print – Jetzt wirklich! … Wirklich?

Eine gute Freundin fragte mich, ob ich ihr im Rahmen ihrer Diplomarbeit für ein Interview zur Verfügung stehe. Sie suche regelmäßige Leser von Tageszeitungen zwischen 20 und 30 Jahren. Das Altersschema passte zwar [noch], jedoch beziehe ich alle Informationen, die [mir] wichtig sind, über verschiedenste Angebote im Netz. Allenfalls »Die Zeit« schafft es noch dann und wann auf meinen Frühstückstisch. Dann muss ich aber wissen, dass ich selbige auch am bevorstehenden Wochenende habe. Gut, dann leite die Anfrage einfach an deine zeitungslesenden Freunde weiter, so ihre folgende Bitte. Ich überlegte sehr angestrengt, doch wollte mir partout niemand unter 30 einfallen, der noch regelmäßig Zeitung liest.

Jüngst trat ein großes britisches Designmagazin an unsere Firma heran und offerierte uns folgendes Angebot: Für einen nicht unerheblichen vierstelligen Pfund-Betrag würden wir Editorial Content erhalten, würde man also über uns im Rahmen eines Beitrages schreiben. Man hätte bereits mehrere Schrifthersteller für eine entsprechende Serie gewinnen können. Selbstverständlich lehnten wir diese Anfrage ab. Welcher Leser von Fachmagazinen möchte solche Artikel vorgesetzt bekommen? Wo bleibt der inhaltliche Mehrwert, wenn die Berichterstattung lediglich noch eine Frage des Geldes ist?

Diese und andere Beispiele, ja selbst wissenschaftliche Studien, aber vor allem das zweite Beispiel lassen mich nun endgültig an der Zukunft der gedruckten Medien zweifeln. Lange war ich selbst als bekennender Günter Internetzer überzeugt, dass die gute alte Dame Print in diesem Bereich dem Sturm noch eine Weile trotzen kann. Nun sinkt aber mein Vertrauen in ihre Standfestigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass der Druck nicht per sé dem Ende entgegen geht. Auf keinen Fall. Akzidenzen und Bücher werden in unserer Generation weiterhin gewichtigen Bestand haben, meine ich. Aber gedruckte Nachrichten in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen – hat das Zukunft?

365 Tage Schriftenvielfalt

Auch wenn ich an anderer Stelle bereits über das sechste Slanted-Magazin geschrieben habe, will ich der Vollständigkeit halber noch auf die neue bequeme Kaufmöglichkeit bei Amazon.de hinweisen. Das gibt mir nämlich Gelegenheit, das Typodarium zu empfehlen. Dabei handelt es sich um einen vom Karlsruher Slanted-Team produzierten typografischen Abreißkalender mit täglich neuen Schriften verschiedener Gestalter und Foundries, wie zum Beispiel Font Bureau, Fountain, FontFont, Primetype, Typotheque und Underware. Das gute Stück dürfte unter dem Weihnachtsbaum wohl jedem Typografen ein freudiges Lächeln abringen können.

Typodarium

Die Legende vom Druckmaschinenquartett

DruckmaschinenquartettEs gibt sie mit Dikatoren, Seuchen, Panzern und Plattenbauten. Die Rede ist von Quartettspielen. Kaum zu glauben, aber bisher fehlte eine naheliegende Variante: ein Spiel mit Druckmaschinen. Richtig, jene tonnenschwere Präzisionsmaschinen, mit denen die Spielkarten hergestellt werden. Ganz klar also, es musste Abhilfe geschaffen werden. Bereits Anfang des Jahres beendeten wir – meine lieben Freunde Helene Durst, Florian Ahrens, Jan Weiss und ich – im Rahmen des »Studienprojekts Produkterstellung« die Produktion des Druckmaschinenquartetts. Von der Idee, Konzeption und Recherche über die Gestaltung, die Reinzeichnung, den Druck [unterstützt von vierC] bis hin zur Weiterverarbeitung fertigten wir gemeinsam die Kartenspiele. Auf 32 Karten werden die wichtigsten Bogenoffsetmaschinen von Firmen wie Heidelberg, MAN Roland, KBA, Komori, Shinohara und anderen gezeigt. Gespielt wird mit den Werten Einführungsjahr, Abmessungen, Bogenformat, Farbwerkemaximum, Druckgeschwindigkeit, Bedruckstoffdicke und Gewicht. Ein Spiel für Freaks also. Druckfreaks.

Druckmaschinenquartett

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Berliner Typostammtisch 11/08: Zusammenfassung

Da der Vielleicht-bald-Neu-Berliner Dan Reynolds diesmal eine so gute Zusammenfassung zum Typostammtisch geschrieben hat und sogar Microsoft das erwähnenswert findet, kann ich mir diesmal die eigene obligatorische Rückschau sparen.