Artikel im November 2005


Typosuppe 11

Blocksatz. Unendlich mögliche Typo-Grausamkeiten. Wir schreiben das Jahr 2005. Die Besatzung der TFH-Pressestelle (sorry, Herr K.!) dringt dabei in Galaxien hervor, die nie ein Typolehrbuch von innen gesehen zu haben scheinen.

Typosuppe 11 - DMT-Flyer: Klicken zur Vergrößerung

Konkret: Blocksatz halte ich generell für viel zu häufig und vor allem unbedacht eingesetzt. In Aufzählungen – insbesondere ein- bis zweizeiligen Stichpunkten – halte ich Blocksatz sogar für völlig fehl am Platz. An Hand des aktuellen Informationsflyers der TFH Berlin »Bachelor of Engineering – Druck- und Medientechnik« (verantwortlich hierfür übrigens nicht unser Fachbereich!) kann man leider prima erkennen, wohin genau das führt: zu schmerzend großen Wortzwischenräumen (besonders Zeile 5 und 9).

An dieser Akzidenz, unter großer Zeitnot entstanden, ist noch mehr verbesserungswürdig. Ich bevorzuge bei der Aufzählung von Kontaktdaten wie Telefon, E-Mail etc. den Verzicht von Tabulatoren, meinetwegen mit vergrößertem Wortabstand zwischen Kontaktart und Kontaktdetail, aber keine Tabs. Die reißen nur sinnlose Löcher in den Wortsalat, die machen mich ganz verrückt. Dann folgt außerdem der Zeilenabstand hier einer gewissen Willkür. „Prof. Gramm“ sollte nicht so weit entfernt von seinem Auftrag stehen. Sein Büro darf dann auch wieder etwas näher zu ihm kommen, wenn ihr mich fragt. So ganz allein dazwischen, der Arme, das ist doch nichts.

Ob man mit diesem Flyer neue Studenten rekrutieren kann? Hoffentlich sieht den keiner …

Hintergrundbild (02): Herbstwiese

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Berlin (27): Weltzeituhr am Alexanderplatz

Weltzeituhr am Alexanderplatz

Ersthelfer

Es gibt Dinge, auf die man verzichten kann. Dazu gehört auf jeden Fall die Beobachtung eines Unfalls und der daraus resultierenden Folge, Ersthelfer zu sein. Das interessiert aber das Schicksal nicht. Jedenfalls manchmal.

Direkt vor der FH im Norden Berlins radle ich über die Straße. Gegenüber versucht es ein anderer Radler ganz ordnungsgemäß aus einer Nebenstraße heraus, er hat grün. Ein Fahrzeug des magentafarbenen Telekommunikationsriesen schneidet ihm plötzlich aus der Linksabbiegespur rechts (!) den Weg, so dass der Mann keine Chance hat und vom PKW zu Boden gerissen wird. Trotz Fahrradhelm fällt der Mann mit einem sehr unangenehmen Geräusch auf den Asphalt. Regungslos bleibt er liegen.

Schnell stelle ich mein Rad ab und renne auf die Kreuzung. Der Mann ist zunächst nicht ansprechbar. Der Mitarbeiter unseres „Lieblings“-Kommunikationsdienstleisters hält auf der Kreuzung, steigt aus und sagt zu mir, während ich über dem Verletzten hocke, dass er kurz das Auto an die Seite fährt. Mittlerweile sind ein paar Leute mehr am Unfallort und helfen dem Mann. Eine Frau versucht, die Fahrerin eines Pflegedienstes dazu zu bewegen, ihren Verbandskasten zu opfern, was erschreckenderweise nicht gelingt. Kurze Zeit später ist doch noch Verbandsmaterial zur Stelle, eine Autofahrer hilft mit einer Decke aus. Irgendwer stoppt die starke Blutung am Kopf, denn trotz Helm hat es den Mann ganz schön erwischt.

Kurze Zeit später treffen auch schon der Rettungsdienst und die Polizei ein. Mittlerweile ist der Mann aber wieder etwas bei Bewusstsein, verspürt aber angeblich keine Probleme, was unglaublich scheint in Anbetracht seiner schweren Kopfverletzung und offensichtlichen Brüchen an der Hand. Soll wohl eine Schockreaktion sein, sagt man.

Wer nicht wieder kommt ist allerdings der Unfallverursacher. Traurig, aber war: Unfallflucht. Dieses Verhalten bereitet mir echte Kopfschmerzen. Glücklicherweise merkten wir Zeugen uns das Autokennzeichen. Es sollte (hoffentlich) kein Problem sein, den Fahrer zu ermitteln, nicht nur, weil der T-Com-Kombi sicher Spuren des Unfalls mit sich führen dürfte.

Der Radfahrer hatte alles richtig gemacht. Er hatte sogar Licht am Fahrrad, obwohl es noch nicht dunkel war, hielt sich an jede notwendige Regel der Verkehrsordnung, fuhr sehr aufmerksam, trug Helm und die allerbesten Komponenten am Bike. Das alles hilft leider nichts gegen derart unvorhergesehene Verkehrsegomanen.

Ich hoffe, es geht im bald wieder besser.

Orientierungsnomaden, Erlebnisdemokraten und Gesprächsdurchlauferhitzer

Vor einigen Tagen besuchte ich die 4. Medienakademie der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam und Berlin. Das Credo dieser zweitägigen Veranstaltung für junge Journalisten lautete »Die Medien und die Macht – Im Spannungsfeld zwischen Distanz und Symbiose«.

Unter den Eindrücken dieser Akademie möchte ich meine Gedanken zu diesem dauerhaft aktuellen Thema einmal zusammenfassen.

Insbesondere nach den Erfahrungen der vergangenen Bundestagswahl stellt sich die Frage, ob der Journalismus in der heutigen Zeit nicht vielleicht auf die Politik einen ihm nicht zustehenden Einfluss ausübt und im Gegenzug die Politik einen gegensätzlichen Einfluss auf den Journalismus bewirkt, der ebenso nicht wünschenswert ist. Prof. Dr. Dr. Karl-Rudolf Korte von der Uni Duisburg vertritt hierzu unter anderem die These, dass grundsätzlich nicht die Medien, sondern die Regierungen regieren, von Ausnahmefällen wie »Florida-Rolf« und »Hundekorb« einmal abgesehen. Für diese These spricht, dass 97% aller Gesetze nie medial thematisiert werden.

Medienakademie der FNStDr. Otto Graf Lambsdorff, beim abendlichen Kamingespräch als Vertreter der Politik eingeladen, ist der Meinung, die parlamentarische Qualität habe in den letzten Jahren merkbar abgenommen, da Politik zunehmend in Talkshows gemacht würde. Dr. Hermann Rudolph (Herausgeber »Tagesspiegel«) als Vertreter der Medien hingegen gesteht ein, dass das durchschnittliche Niveau des Journalisten seit Berliner Regierungszeiten ebenfalls nicht besser geworden ist. Abgenommen habe die Qualität vornehmlich mit der Berichterstattung der privaten Fernsehanstalten in den Achtziger Jahren bis heute. Mit dem Aufkommen dieser medialen Omnipräsenz ist Politik schneller geworden, besonders deutlich zu sehen an Beispielen wie der »Halloween-Krise« (Zitat Prof. Korte), in der in 30 Stunden ein neuer SPD-Vorsitzender gefunden wurde, was früher Monate bis Jahre dauerte oder der Tatsache, dass Sprechzeiten im Bundestag stark verkürzt wurden. Lambsdorff berichtete, dass er als Wirtschaftsminister früher 45 Minuten Redezeit für seinen Wirtschaftsbericht vor dem Bundestag bekam, heute sind dies gerade mal 7,5 Minuten.

Die Möglichkeit der Politik, die Notwendigkeit ihrer größtenteils unpopulären Handlungen zu erläutern ist nicht mehr gegeben, es sollte langsamere und damit durchdachtere Politik gemacht werden, waren sich die geladenen Gäste aus Medien und Politik einig. Dies bedingt allerdings auch langsamere und durchdachtere Berichterstattung, was in Zeiten eines enormen medienwirtschaftlichen Konkurrenzdrucks unglaublich schwierig sein dürfte. Demokratie braucht jedoch diese Langsamkeit, braucht Pausen, der Wähler und damit der Medienkonsument muss das aber den Politikern zugestehen.

Medienakademie der FNSt Journalisten fungieren als Quoten- und Absatzsklaven. Was nach dem Mund des Wählers veröffentlicht wird verkauft sich gut. Regieren die Verantwortlichen nach dieser Tagesdemoskopie führt das nach Ansicht von Prof. Korte zu wählerischen Wählern, Orientierungsnomaden, die den Parteien den Blick auf ihre Stammwähler und ihren Kernkompetenzen versperren. Diese wählerischen Wähler fordern geradezu populistische Volksbelauscher. Die Antwort auf diese »Erlebnisdemokratie« wäre dementsprechend populistisches Regieren, wodurch langfristige Politik nahezu unmöglich gemacht wird. Die von »politischen Schnäppchenjägern« hervorgerufene Flüchtigkeit der Politik spiegelt die Flüchtigkeit der Wähler wieder, wodurch die Politik als getreues Abbild unserer aller Befindlichkeiten erkannt werden könnte.

Das Regieren ist auf die Unterstützung der Medien angewiesen. Die Gefahr, mit den damit möglichen repräsentativen Regierungsmitteln die klassischen Mittel zu vernachlässigen ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Der Gesetzgeber sollte aus Sicht Kortes agieren als würde es gar keine Medien geben. Dann hätte der Journalismus tatsächlich keinen Politikeinfluss, allenfalls einen Stimmungseinfluss. Auf der anderen Seite dürfen Journalisten, insbesondere die der audiovisuellen Zunft nicht nur als »Gesprächsdurchlauferhitzer« – wie Michael Hanfeld von der FAZ sie bezeichnet – fungieren. Unter diesem Vorwurf kann man sicher einen kritischen Blick auf öffentlich-rechtliche Weichspülerjournalisten wie Beckmann, Kerner und vor allem Christiansen richten.

Die Lösung dieses problematischen Zwiespalts liegt meiner Ansicht nach einmal mehr bei jedem einzelnen von uns. Ich habe es in der Hand, ob ich Christiansen einschalte oder Plasberg. Der Politiker bestimmt, ob er nach BILD-Zeitung regiert oder überzeugter Notwendigkeit. Ist doch eigentlich ganz einfach, oder?

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