Dreieinhalb Jahre liegt mein letzter Exkurs in Sachen Foundry-Websites bereits zurück. Seitdem hat sich vieles geändert: Webtechnologien, Designtrends, die Diversität der Hersteller, mein ästhetisches Empfinden und der Geschmack sowieso. Zeit also für eine erneute Bestandsaufnahme. Welches sind die ansehnlichsten Websites der Schrifthersteller?
Die Haupterkenntnis aus meinem diesjährigen Mega-Test ist ernüchternd: unter den über 150 Bookmarks, die ich in den letzten Tagen intensiv durchforstet habe, findet sich nicht eine einzige Website, die ich als echten Leuchtturm des Webdesigns bezeichnen würde. Um ehrlich zu sein ist aus der ursprünglich geplanten Top-Ten-Hitliste sogar lediglich eine Top-Five-Liste geworden (ich bin in den letzten Jahren wohl kritischer geworden).
Sicher, nichts ist unspektakulärer als eine vor Monaten oder Jahren gelaunchte Website und ich weiß aus der eigenen beruflichen Praxis, wie schwierig es ist, eine gute Online-Präsentation für Schriften zu entwickeln. Otto Normalsurfer macht sich keine Vorstellung, wie unglaublich komplex die Erstellung eines Font-Webshops ist. Allein die zugrunde liegenden Shop-Daten sind ungleich komplizierter als zum Beispiel die für Klamotten oder typische Softwareprodukte. Von den Problemen der Schriftdarstellung, Glyphenübersicht und Variantenvielfalt mal abgesehen. Je größer die Bibliothek, umso schwieriger wird es sogar noch. Gerade deshalb tauchen wohl lediglich kleinere Hersteller in meiner von Subjektivität geprägten Liste auf.

Kris Sowersby ist nicht nur einer der aufstrebenden Schriftgestalter der letzten Jahre, auf der Website seiner Ein-Mann-Foundry Klim Type weiß er auch das Wichtigste in Szene zu setzen: seine Buchstaben. Die Seite kommt fast gänzlich ohne Bilder aus, präsentiert sich äußerst reduziert, klar strukturiert und funktioniert lediglich monochromatisch. Sein kleines »Easter Egg« Why Type? steht dabei beispielhaft für ein unbekümmertes Selbstbewusstsein, das dem Besucher in jeder Sekunde vor Augen geführt wird.

Wir zeigen nichts außer Schrift. Über die ganze Bildschirmbreite. Nicht nur eine, sondern mehrere. Diese einfachen aber eigentlich genialen Ausgangspunkte definierten Paul Barnes und Christian Schwartz bei der Gründung ihres Schriftlabels Commercial Type und des dazugehörigen Webshops. Hinzu fügten sie lediglich einige wenige Seiten (wie News oder FAQ). Im Prinzip brauch es auch nicht mehr, vor allem, wenn die Schriften im Programm von derart hoher Qualität sind. Einziger Wermutstropfen: Die Farben und vor allem Schriftbeispiele ändern sich viel zu schnell und häufig. Leider kann man diesen Automatismus nicht stoppen.

Die Typejockeys Michael, Anna und Thomas machen einfach alles richtig. Sie veröffentlichen wenig, aber dafür großartige Schriften, sie sehen diese vor allem als Türöffner für Grafikdesignprojekte und reisen durch die Berge Lande um ihre typografische Mission zu verkünden. Kein Wunder also, dass sie nach dem Platz 1 der besten Schriften 2009 nun auch noch in dieser Hitparade auftauchen. Die Typejockeys sind nicht nur eine Bereicherung für die bisher recht karge österreichische Typoszene, mit ihrer vor professioneller Coolness strotzenden Website auch für den Rest der Welt.

Eingangs sagte ich es bereits: je kleiner die Bibliothek, umso geringer die komplexen Herausforderungen bei der Webentwicklung. So kann man zum Beispiel bei einer Handvoll Produkte noch manuell aufbereitet Schriftmuster zu jeder einzelnen Familie zeigen, spezielle OpenType-Features oder Kaufoptionen. Das alles geht ab einer gewissen Größe nur noch automatisiert, was jedoch die Programmierung deutlich erschwert. Das Problem haben Eric Olsen und Nicole Dotin nicht. Sie können weitestgehend die Vorteile einer kleinen Foundry wie Process Type nutzen und tun dies auch. Besonders gelungen finde ich neben der In-Use-Gallerie die allgemeine Anmutung der Website, welche sich als eine der wenigen wie aus dem Jahr 2010 anfühlt.

Die Seite von Type Together lebt. Ständig gibt es Neues zu entdecken, man schaut immer mal wieder gern vorbei. Die Produktseiten zählen zu den umfangreichsten der Branche und lassen kaum Fragen offen. Immer nah an der Grenze zum Informationschaos fühlt man sich dennoch zu keiner Zeit verloren sondern irgendwie gut aufgehoben und willkommen. Viele echte Beispiele zeigen die Schriften im täglichen Einsatz und unterstützen die Kaufentscheidung. Nicht zuletzt dank dieser Webpräsenz haben Veronika Burian und José Scaglione in relativ kurzer Zeit eine Marke im Typo-Business etabliert, die nicht mehr wegzudenken ist.
Fazit
Sicherlich hat keine der genannten Beispiele das Rad neu erfunden, aber das war auch nicht zu erwarten. Außergewöhnliche Extravaganz kann vielleicht kurzfristig Besucher anlocken, wird aber in der Regel selten Kaufanreize schaffen, schon gar nicht langfristig. Eine Shopseite muss sich, wenn sie erfolgreich sein will, einfach gewissen Zwängen unterwerfen. Sie muss robust sein, technisch aktuell, sie muss die Gewohnheiten der Besucher antizipieren, sie muss übersichtlich sein, einfach und verständlich, aber doch mit dem gewissen Etwas. Ein Spagat, der umso schwerer wird, wenn komplexe Daten wie Fonts zugrunde liegen. Den aufgeführten Seiten gelingt jener Spagat auf jeweils eigene Art und Weise.
Welche Schrifthersteller haben eurer Meinung nach die besten Internetauftritte?