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{BTST 07.10}: Typostrandtisch

Grafik gesetzt in PTL Publicala von Karl-Heinz Lange
Vor wenigen Tagen erreichte uns die traurige Nachricht vom Tod unseres Kollegen und Freundes Karl-Heinz Lange. Nicht nur seine Schriftkollegen haben am Freitag, den 16. Juli um 12 Uhr die Gelegenheit, sich von ihm zu verabschieden. (Beerdigung auf dem Friedhof Baumschulenweg, Große Kapelle des Krematoriums, Kiefholzstraße 221, 12437 Berlin). Eine entsprechende Ehrerweisung ist in seinem und im Sinne seiner Familie.
Am Abend treffen wir uns dann am Strand, diesmal ohne offiziellen Programmpunkt. Wir stoßen auf Karl-Heinz an, und geben uns in der Abendsonne weiteren typografischen Themen hin.
Sehr zentral und gut angebunden liegt hierfür Beachmitte, wo wir ab etwa 18.30 Uhr die Jagd nach ein paar Stühlen und Bänken aufnehmen können. Eine Reservierung ist hierfür leider nicht möglich, es sollte sich aber genügend Platz finden lassen.
Karl-Heinz Lange (†)
(Hinweis: Dieser Artikel wurde auch im Fontblog und im FontFeed veröffentlicht.)
Karl-Heinz Lange lernte ich 2007 auf einem unserer ersten Typostammtische kennen. Kurze Zeit später lud er mich in seine Wohnung ein, um seinen ersten Vortrag, den er auf einer der folgenden Veranstaltungen zu halten gedachte, zu besprechen: »Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken«. Anlass für diesen Vortrag war ein Jubiläum der besonderen Art. Lange blickte nämlich gerade zurück auf 60 Berufsjahre. 60 erfolgreiche Jahre des Gestaltens und Schriftentwerfens.

Meine Lieblingsarbeit von ihm: Plakat für das Ballett »Le Papillon« [Der Schmetterling] (© Foto Florian Hardwig)
In seiner mit zahlreichen Grafiken dekorierten Wohnung in Berlin-Mitte zeigte er mir Zeichnungen, die er bereits im Kindesalter anfertigte und sein Talent schon früh erkennen ließen. Er offenbarte faszinierende Arbeiten seines kreativen Schaffens, er spielte am Klavier und erzählte genussvoll Anekdoten eines aufregenden Lebens. Eine handelte davon, wie er einmal von seinem Arbeitgeber VEB Typoart den Auftrag bekam, eine Schrift ähnlich der im Westen populären Optima von Hermann Zapf zu zeichnen.
Er übernahm den Auftrag, hoffte aber, dass sich seine eigene Handschrift ausreichend auf die Einzigartigkeit der Formen auswirken würde — schließlich war er eigenständiger Gestalter, kein Plagiator. Anlässlich einer Familienfeier durfte Karl-Heinz Lange nach Frankfurt/Main reisen. Dort traf er sich heimlich mit Zapf, um mit ihm seine Entwürfe zu diskutieren. Nicht ohne Stolz erinnerte er sich, wie sein westdeutscher Kollege sein Einverständnis gab und ihm gar großen Respekt für die geleistete Arbeit zollte. Die Publica war etwas völlig Eigenständiges geworden.

Karl-Heinz Lange an seinem Klavier (© Foto Leslie Kuo, Pingmag)
Lange präsentierte mir an seinem Laptop vergnügt seine vorbereiteten Folien, nicht ohne dabei immer weitere Anekdoten zum Besten zu geben. Er lebte jedoch nicht in der Vergangenheit, sondern nahm immer wieder Bezug zum Hier und Jetzt und bekundete ernsthaftes Interesse am aktuellen Geschehen in der Typografieszene sowie an seinem Gast. Lange war intensiv darum bemüht, seine Schriften mit Hilfe jüngerer Kollegen wie zum Beispiel Ole Schäfer in die Zukunft zu retten.
Zum ersten Mal kam ich an diesem Tage mit seiner tiefen Leidenschaft zur Gestaltung von und mit Schrift in Berührung. Sie beeindruckte mich nachhaltig. Das war kein zartes Leuchten in den Augen eines in die Jahre gekommenen Mannes, das war ein Aufflammen in den Augen eines Kind Gebliebenen, das weiterhin die Welt erforscht. Aus einer geplanten Stunde wurde ein ganzer Nachmittag, der mich noch Wochen später beschäftigte. Sein Vortrag schließlich fesselte auch das Publikum auf magische Weise.

Karl-Heinz Lange und Erik Spiekermann im Oktober 2007 beim Berliner Typostammtisch (© Foto Andreas Seidel)
Wann immer der sympathische Gestalter konnte, bereicherte er unsere Veranstaltungsrunde mit seiner Anwesenheit, was ihm aufgrund seiner Gesundheit nicht immer leicht fiel. Lange war um einen ständigen intensiven Diskurs bemüht und genoss die Gemeinschaft von Gleichgesinnten, egal welchen Alters. Er begegnete ihnen respektvoll und interessiert.

Zirkus (© Foto Florian Hardwig)
Im vergangenen Jahr trat Karl-Heinz Lange mit einer außergewöhnlichen Bitte an mich heran: anlässlich seines 80. Geburtstages wollte er nach Jahrzehnten der Hörsäle und Konferenzen gern seinen allerletzten Vortrag im Rahmen unserer typografischen Hauptstadtrunde halten. Der Besonderheit und der großen Ehre dieses Momentes bewusst nahmen an jenem Abend im August erstmals mehr als 50 Leute am Typostammtisch teil. Von Ihnen bereute niemand die zum Teil weite Anreise. Beginnend mit seinen beschwerlichen Kinderjahren in Westpreußen ließ er sein ganzes aufregendes Leben Revue passieren. Er berichtete auf heitere Weise, wie er jahrelang im Harz eine schwere Tuberkulose kurierte und wie letztlich dort seine ersten künstlerischen Aktivitäten und schließlich die fortan niemals endende Liebe zur Schrift entbrannte.
Aus seinem Buch »Schrift: schreiben, zeichnen, konstruieren, schneiden, malen.« 1965, VEB E.A. Seeman Verlag Leipzig (© Foto Dan Reynolds)
Berufliche Stationen seines Lebens
- 1949 bis 1951 Studium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, Halle
- 1951 bis 1955 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (Diplom mit Auszeichnung für den Entwurf seiner Diplom-Antiqua)
- 1956 bis 1961 Dozent für Schrift und Gestaltung an der Fachschule für angewandte Kunst Magdeburg
- 1961 bis 1963 Aspirant an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
- 1963 bis 1969 Selbständig tätig, u.a. als Trickfilmgestalter für technische Lehrfilme
- 1969 bis 1976 Buchgestalter und Künstlerischer Leiter im Henschel Verlag Berlin
- 1976 bis 2006 Dozent und Lehrbeauftragter für Typografie, Schrift- und visuelle Gestaltung an verschiedenen Einrichtungen (z.B. Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin, Potsdam Kolleg für Kultur und Wirtschaft, Fortbildungsakademie der Wirtschaft, Deutsche Direktmarketing Akademie, Fachhochschule Magdeburg-Stendal)
- Seit 1955 Freischaffende Tätigkeit als Buchgestalter für verschiedene Verlage und Grafikdesigner für Corporate Design
Karl-Heinz Lange hat den visuellen Alltagsausdruck der DDR entscheidend mitgeprägt: vom Telefonbuch über zahlreiche Literatur und verschiedene Unternehmensauftritte. Zweifelsohne zählt der ehemalige Schüler Herbert Tannhaeusers zu den wichtigsten Schriftgestaltern der DDR. Als Beweis dienen auch für spätere Generationen seine Schriften:

Langes Neuzeichnung der Super Grotesk von Arno Drescher für den Fotosatz (© Foto Florian Hardwig)
- 1955 Diplom-Antiqua (bleibt leider unveröffentlicht)
- Seine Schriften für VEB Typoart:
- Bearbeitung der Bleisatzschriften Magna, Primus und Super Grotesk für Fotosatz
- Publica (1983, Silbermedaille »Bienale of Graphic Design Brno 1984«)
- Minima (1984, als Satzschrift für Telefonbücher und Gebrauchsanleitungen)
- Seine Schriften für Elsner+Flake
- Rotola (1985/2007)
- Viabella (2009)
- Seine Schriften für Primetype
- PTL Minimala (2009)
- PTL Publicala (2009, Fontwerk beste Schriften 2009)
- PTL Superla (2009)

Sein Lebensmotto, gesetzt in der PTL Publicala.
Karl-Heinz Lange starb vergangenen Dienstag kurz vor seinem 81. Geburtstag, nach einem – wie er selbst sagte – erfüllten Leben. Die Trauerfeier findet am 16. Juli 2010 um 12 Uhr statt. (Friedhof Baumschulenweg, Große Kapelle des Krematoriums, Kiefholzstraße 221, 12437 Berlin)
»Was ist denn das Weiterleben nach dem Tode? Es funktioniert nur über den Anderen. In den Enkeln. Alle fünf Enkel hatten bei mir Klavierstunde. Jetzt ist die Letzte dran mit Flöte und Klavier. Jeden Montag sitzt sie hier an meinem Flügel. Das ist mein Erbe, das ist mein Weiterleben.« [KHL]
Sein Erbe ist größer. Er lehrte uns, dass Leidenschaft niemals in Rente geht. Er lehrte uns, neuen Herausforderungen aufgeschlossen und interessiert zu begegnen. Im letzten Jahr schrieb er mir im Vorfeld seines Vortrages in einer E-Mail: »Ich bin noch bei der Vorbereitung, die mir viel Freude macht, weil ich dabei durch gute Literatur noch zulerne.« Diese Leidenschaft und dieses Interesse ist Inspiration für unsere Arbeit.
Danke, Karl-Heinz. Du wirst uns fehlen.

Karl-Heinz Lange und seine Frau Marie Louise (© Foto Verena Gerlach)
{BTST 05.10}: Zehn × 6 Minuten und 40 Sekunden
Der Tradition eines kurzen Nachberichts zu jedem Typostammtisch folgend möchte ich auch diesmal (knapp 3 Wochen später) ein kleines Fazit ziehen. Mit etwa 60 Gästen wurde wieder einmal ein neuer Besucherrekord aufgestellt — der Typostammtisch wächst und wächst. Das lag sicher am irre spannenden Konzept des Pecha Kuchas, welches wir nun schon zum zweiten Mal testeten, aber auch an den zehn vortragenden Freunden und Kollegen, denen ein herzlicher Dank für ihre leidenschaftlichen Kurzvorträge gebührt. Obwohl wir uns bereits auf weitere Vorträge freuen dürfen, wollen wir den Rahmen beim nächsten Mal etwas lockern und uns dazu im Juli an einem der vielen Berliner Strände treffen, um einmal einfach nur gesellig beisammen zu sein und das eine oder andere Getränk zu uns zu nehmen. Im Herbst gibt es dann wieder inspirierende Vorträge von und mit interessanten Gästen zu sehen.
Folgende zehn Typostammtischler gestalteten den Abend mit ihren jeweils 6 Minuten und 40 Sekunden dauernden Präsentationen — sie alle waren großartig! Danke, danke, danke.

Alexander Branczyk: Heiligs Blechle

Dan Reynolds: 10 things I hate about typography class

Frank Rausch: Nicht intuitiv

Jan Fromm: Eckig und rund

Jürgen Siebert: Quantentheorie des Markenzeichens

Ole Schäfer: Charles & Ray Eames – Wolkenkuckuckshaus

Roman Wilhelm: Bilingualer, latein-chinesischer Schriftsatz

Sascha Timplan: Taktgefühl – Die Liebe zur Musik und Schrift

Verena Gerlach: Pakate für Alg(i)er(s)

Georg Seifert: Glyphs
{BTST 05.10}: Typo-Pecha-Kucha

Grafik gesetzt in FF Matinee Gothic (Jim Parkinson) und St Atmos (Sascha Timplan)
Lange haben wir auf die Fortsetzung des in guter Erinnerung gebliebenen ersten Pecha-Kucha-Abends gewartet. Am 6. Mai ab 19 Uhr (also eine Woche später als ursprünglich angekündigt) darf wieder jeder der sich berufen fühlt (wirklich JEDER — nur keine Angst) unter Zuhilfenahme von jeweils 20 automatisch nach je 20 Sekunden wechselnden PDF-Folien ein typografisches, gestalterisches oder sonstwie verwandtes Thema präsentieren. Maximal 12 Vorträge à 6 Minuten und 40 Sekunden sollen es werden, meldet euch also bitte mit eurem gewünschten Vortragsthema möglichst schnell bei mir an. Über den aktuellen Stand der vergebenen Vortragsplätze werde ich über Twitter informieren. Beim Schreiben dieses Beitrages sind bereits sechs Themenwünsche eingetrudelt, die Hälfte der Plätze also schon weg. Eine Anmeldung zur passiven Teilnahme an der Veranstaltung ist nicht notwendig.
{BTST 02.10}: Schuhe!

Tatsächlich — mit Schuhen begann Ole Schäfers Vortrag, zu denen sich wieder etwa 50 Typofans in Kreuzberg eingefunden hatten. Schuhe sind Oles Ansicht nach nämlich aus monetären Gesichtspunkten deutlich lukrativer als Schriften. Er mag damit sicher Recht haben, doch hält ihn diese Einsicht offenbar nicht davon ab, seit bereits 15 Jahren Schriften zu gestalten und typografische Herausforderungen zu meistern. Dass dabei eine beachtliche Liste an zum Teil recht bekannten Projekten zusammengekommen ist stand am Ende des Abends außer Frage. Ole ließ auch keinen Zweifel aufkommen, dass er längst noch nicht genug von all dem hat und die Schuhbranche mindestens noch weitere 15 Jahre auf ihn warten muss.
Auch wenn ich diesmal vom Typostammtisch keine Bilder beisteuern kann und der obligatorische Nachbericht daher etwas kürzer ausfällt möchte ich noch auf die nächsten beiden Veranstaltungen hinweisen. Der 19. Berliner Typostammtisch findet am 29. April 6. Mai statt und wird wieder ein Pecha-Kucha-Abend werden. Gern dürft ihr euch schon einmal überlegen, mit welchem typografischen Thema ihr daran teilnehmen wollt. Jeder ist eingeladen, 20 Folien in je 20 Sekunden zu präsentieren. Jeder! Der dann folgende runde Termin (wahrscheinlich Ende Juni/Anfang Juli) wird zur Abwechslung vielleicht mal ohne »Rahmenprogramm« stattfinden. Eventuell gar am Strand …



