Wer kennt das Gefühl nicht, wenn man mal wieder ungläubig an Anzeigen hängenbleibt, die einem irgendwie bekannt vorkommen, oder beim neuen Logo der Hausbank einem Déjà-Vu-Effekt unterliegt. Zitiert und kopiert wird nicht nur was gut ist, aber eben das besonders oft. Retrodesign ist modern und war es wohl auch schon immer. Nachdem der Verlag Hermann Schmidt bereits die halbe Blogszene mit einem Rezensionsexemplar des gleichnamigen Buches zu diesem Thema bedacht hat, durfte auch ich die 318 im schicken Kunstledereinband gebundenen Seiten in den Händen halten.
Die erst 25-jährige Sara Hausmann und ihr zwanzig Jahre älterer Agenturpartner Achim Böhmer versprechen nicht weniger als »eine analytische Zeitreise« und »raffinierte und überraschende Gegenüberstellungen«. Der Werbetext verspricht weiterhin, »ein kraftvolles „stylelab“ […], ein Destillat der Stile, Farben, Muster, Zeichen, charakteristischen Schriften, Layouts, Objekte und Bauten – als solide Grundlage für Ihr Retrodesign!«. Da sind wir auch schon beim eigentlichen Problem angelangt. So sehr ich meine Schwierigkeiten habe, die Nachricht des Werbetextes zu entschlüsseln, so sehr hatte ich meine Schwierigkeiten, die eigentliche Idee und Struktur des Buches zu verstehen. Ein Blick auf die erklärende Webseite des Buches sollte aber Licht ins Dunkel bringen. Eigentlich. »Die drei Module Retro Design, Retro Style und Retro Review formen das stylelab«. Das Stylelab? Muss man denn wirklich immer auf diese Verenglischerei zurückgreifen?
Was ich durchaus verstehe ist die gelungene Vorstellung der 18 wichtigsten Designstile: Dekonstruktivismus, Postmoderne, Punk, Pop, Space Age, Organisches Design, Schweizer Schule, Art déco, Konstruktivismus, Dada, Plakatstil, Art Nouveau, Japonismus, Arts and Crafts, Historismus, Klassizismus, Rokoko/Barock und Renaissance. In diesem Teil des Buches konnte ich noch einiges lernen, was mir bisher noch nicht so präsent war. Dieser Teil wird unter »Retro Style« zusammengefasst. »Retro Design« hingegen kann mich nicht so recht überzeugen, denn nicht immer sind die Gegenüberstellungen von Original und Adaption gut gelungen, gleichwohl die Idee hierbei sehr reizvoll ist. Auch wollen mir die »plakativen Aufmacherseiten« der jeweiligen Stile einfach nicht gefallen.
Der dritte Teil des Buches, »Retro Review« ist ähnlich kurzweilig und gar noch informativer als der zweite und zusammen vielleicht schon Kaufargument genug. Darin werden die entscheidenden Impulse für das Entstehen der vorgestellten Designströmungen beleuchtet. Das dürfte insbesondere für Studenten des Grafik- und Kommunikationsdesign von Interesse sein. Was regelmäßig bei Schmidt-Büchern und demnach auch hier überzeugt, ist die drucktechnische Qualität. Zu selten findet man heute noch geprägte Einbände aus Kunstleder oder schwarzem Blattschnitt in einem solch großzügigen Format [25,5 × 29 cm]. So wird sich das gute Stück auf jeden Fall hervorragend in meiner gerade aufgebauten Bücherwand machen. Inhaltlich bin ich hingegen immer noch etwas unentschieden. HD meint: »[…] ist allein […] die Bilderflut schon den Preis wert.« 818 Abbildungen sind in der Tat eine ganze Menge. Noch dazu in bestechender Qualität. Vielleicht hat man beim lokalen Buchhändler die Möglichkeit, ein wenig in »Retrodesign Stylelab« zu blättern. 89 €, die prinzipiell schon durch die aufwändige Recherche und Druckqualität gerechtfertigt sind, wollen schließlich wohlüberlegt ausgegeben werden.

Hallo Ivo, gerade das Buch zu Ende … und stimme mit dir überein. Selbst in Teil 1 verstehe ich nicht die Wahl der Begrifflichkeiten die auf gleicher Höhe stehen, wie z.b. Renaissance und Space Age … Ok, nicht linearer Aufbau ist ja als Ansatz ok, aber wenn man das als Nachschlagewerk konzipiert (was es als Genre meines Erachtens nach am ehesten trifft) wird das schon auch verwirrend, vor allem für Studierende und Anfänger.
Dann die Codierung mit Icons. Wozu sollen die gut sein? Wir haben doch schon eine Codierung über die Jahreszahl zum Beispiel. Warum muss ich die 60-er mit Space Age titulieren? Und dazu ein Icon entwickeln für ein paar Seiten Abbildungen und eie Übersicht? Das finde ich absolut überflüssig. Ebenso der schwarze Buchschnitt mit den Icons. Was macht das für einen Sinn? Und bei den Trennerseiten hast du Recht. Die sind wirklich überflüssig und lassen sich nicht mit der Qualität des ausgewählten Bildmaterial in eine Reihe stellen. Sie sind ein eher schlechtes Beispiel dafür, wie Retro-Design häufig angewandt wird.
Die Idee grundsätzlich ist bestechend und ich wünsche mir schon seit Jahren eine Art Online-Datenbank für Gestalter, die zusammenhängendes Bildmaterial von den einzelnen Epochen (Farben, Typo, Gestaltung, Architektur, Möbel, Kleidung, Literatur, Kunst etc) ausweist. Als erster Versuch in Buchform ist das sicher anerkennenswert, aber nicht schlüssig gelungen.
Zum Stöbern und Entdecken wenn man es nicht so ganz genau nimmt ist es jedoch durchaus geeignet. Einige gute Gegenüberstellungen sind dabei. Und es ist wirklich auch ungewöhnliches Bildmaterial dabei, welches sich nicht in jedem Designbuch wiederfindet. Der Preis ist sicher bezüglich der ganzen Recherche-Arbeit, der Bildqualität, der Verarbeitung und Druck-Qualität genau angemessen.
Wobei ich nach wie vor denke daß hier gestalterisches Understatement (Softcover-Einband mit Fadenheftung, ein etwas kleineres Format, weniger Retro-Schnick-Schnack … ) gut getan hätte um den lexikalischen Charakter zu verdeutlichen.