In den letzten Monaten stolpere ich immer wieder über eine Schrift. Dabei meine ich nicht das Geburtstagskind, die Rede ist von der FF Dax. Auf Verpackungen im Supermarkt, als Hausschrift unterschiedlichster Unternehmen, auf Titelseiten, in Wegeleitsystemen, in Anzeigen sowie im Fernsehen: die Dax ist allgegenwärtig. Sie scheint der omnipräsente Shootingstar der letzten Jahre zu sein. Bemerkenswert daran ist, dass sie die in der Schriftenbranche gültige These stützt, nach der eine Schrift etwa zehn Jahre braucht, um sich am Markt durchzusetzen. Selbstverständlich immer unter der Prämisse, dass sie überhaupt das Zeug dazu hat. Die Dax hat.
Es war nämlich 1995 – vor zwölf Jahren also – als ihr Gestalter Hans Reichel sie bei FontShop International veröffentlichte. Ihr besonderes Merkmal ist der Verzicht auf Auf- und Abstriche an den Kleinbuchstaben. Dadurch wirkt sie sehr klar und reduziert. Diese Eigenschaften gelten offenbar als modern und zeitgemäß, jene Etiketten, mit denen sich Unternehmen sämtlicher Branchen gern schmücken. Wer will auch schon alt und unverständlich erscheinen? Um dies zu kommunizieren, benutzen sie die Dax, wo sie vor einiger Zeit noch Schriften wie die FF Meta verwendeten. Eben die Meta ist es, die in Fachkreisen gern als die Helvetica der Neunziger bezeichnet wurde. Wenn man das tatsächlich so sehen will, muss die Dax folglich als die Meta der Nachjahrtausendwende herhalten, oder wie immer man dieses Jahrzehnt bezeichnen mag. Das eigentlich Kuriose ist, dass die Dax in den FontShop-Charts lediglich auf Platz 13 liegt, in der FontFont-Rangliste »nur« auf Platz 2 hinter der FF DIN. Aber vielleicht ist gerade das auch die Erklärung? Die Agenturen und Designer dieser Welt besitzen die Schrift schon und setzen sie wie wild für die verschiedensten Kunden und ihre Aufträge ein. Jeder Designer weiß ja, wie es ist, wenn man auf seinem System erstmal eine Schrift ins Herz geschlossen hat. Die Meta hatte viele Jahre ihre gestaltenden Verehrer.
Ist Hans Reichel am Ende also auch der neue Erik Spiekermann? Interessante Parallelen verbinden die Beiden schon. Beide sind knapp älter als die Bundesrepublik. Beide zieht es aus dem Westen des Landes in die Hauptstadt, Spiekermann schon vor vielen Jahren aus Niedersachsen, Reichel derzeit aus Westfalen. Beide verbrachten bereits eine nicht unerhebliche Zeit außerhalb Europas und beide können Musikinstrumenten hörbare Klänge entlocken. Allerdings unterscheiden sich die Herren in diesem Punkt dann doch etwas. In Hans Reichels Leben hat die Musik wesentlich mehr Gewicht, denn er ist nicht nur Musiker, sondern auch Komponist und sogar Erfinder von Musikinstrumenten, wie zum Beispiel seinem Daxophon. Wer will also ernsthaft diese beiden Großen des Schriftdesigns miteinander vergleichen? Fakt ist: Beide besitzen ein außergewöhnliches Gespür für den typografischen Zeitgeist .
Ich freue mich für Hans Reichel und die Schrift, deren Besonderheit in letzter Zeit auffällig viele Schriftgestalter inspiriert hat. Guten Gewissen bezeichne ich daher fehlende Abstriche als Trend. Der macht jetzt schon Lust auf den folgenden Trend, der dann vielleicht Auf- und Abstrichen und möglicherweise Serifen mehr Bedeutung zukommen lässt? Vielleicht kommt dieser Trend sogar schneller, als wir denken? Vielleicht ist es letztendlich gar die Meta selbst, die Serifen wieder als modern und zeitgemäß gelten lässt?


Hmm, ich weiß nicht. Dezent eingesetzt mag die Dax bspw. für eine Headline ganz hübsch wirken, aber je mehr sie in einem Projekt eingesetzt wird, desto billiger wirkt es – vgl. Norisbank. Ich persönlich halte die Dax allgemein nicht für eine “gute” Schrift, um ehrlich zu sein. Die Bezeichnung “Meta der Nachjahrtausendwende” halte ich für sehr übertrieben. Charakteristisch für die “Nachjahrtausendwende” ist eher der Trend zur Individualschrift, im Extremfall sogar zum eigenen “Corporate Font”. Aber die Dax verkörpert nach meinem Verständnis nur in geringer Weise die derzeitige typografische Ästhetik.
Um meine Aussage ein wenig zu präzisieren: Was ich mit “Individualschrift” meine, ist, dass anstatt der Wunderwaffen Meta, DIN, Myriad, Frutiger, Helvi, Univers und Konsorten nun – bei typografisch hochwertigen Projekten jedenfalls, und zu denen zähle ich sicher nicht die Norisbank – eher sehr eigenwillige Schriften genommen werden. Daher ist es auch schwer möglich, eine “Meta der Nachjahrtausendwende” zu bestimmen. Charaktieristisch jedoch finde ich bspw. die Majoor-Schriftsippen Nexus und Scala.
Also wenn etwas gerade ordentlich boomt, dann ja wohl Antiqua-Schriften. Es gibt sicher auch mehr als eine Handvoll moderener Serifenschriften, die gerade nach und nach veröffentlicht werden. Der Trend kommt also nicht, er ist schon längst da.
schön geschrieben!
vielleicht sticht die Dax aber einfach auch nur so oft ins Auge, weil sie so markant und direkt zu erkennen ist?
Faszinierend finde ich, dass sie trotz des starken Charakters in allen Bereichen genutzt wird; vom diversen Banken als Logo bis zur Schrift speziell für die Wochenangebote des Supermarktes.
Faszinierend? Aber genau diese Option beliebiger Nutzung(smöglichkeit!) für Banken und Wochenangebote des Supermarktes verwässert doch notwendigerweise den ihr zugesprochenen Charakter (…wofür sie zugegebenermaßen nichts kann)!
Wo bleibt da die Individualität im Ausdruck mitttels derer wir gute, Eigenart entfaltende Typografie unseren Kunden nahelegen?
Als Headleine mag die DAX ja angehen, aber als Body? Wer wollte sich wohl ernsthaft mit ihr durch einen längeren Text quälen?
Da singe auch ich das hohe Lied auf die (verhaltenen, sich als solche erst beim zweiten Hinsehen zu Erkennen gebenden) Serifenschriften…
Genau das finde ich faszinierend. So wie Du es beschrieben hast fred. Die Schrift an sich fasziniert manchen Gestalter wohl so, das ihm der Kontext in dem er sie verwendet zweitrangig wird.
In längeren Texten habe ich die Dax allerdings noch nie gesehen; außer dezent bei comdirect. Wo kann ich die Dax als Body finden, wer hat sich das mal getraut?..links wären interessant.
oh. gerade gesehen. benutzt die lindeAG ausschließlich nur die “Dax”
@ kai: Linde benutzt die LindeDax, eine Variante der FF Dax;)
@ fred: Für große Textmengen gibt es die FF Daxline.
[...] scriptuale “M” blieb erhalten. Aus der Bodoni wurde die Dax, die ihren Siegeszug als beliebteste Typo der letzten Jahre, vor allem auch innerhalb von Wortmarken weiter fortsetzt. Die Beliebtheit, der 1995 von Hans [...]
also ich weiß dass unser unternehmen die dax verwendet – und zwar NICHT als headlineschrift sondern im lauftext in unseren katalogen!
leider finde ich die kataloge aber nicht so gelungen, daher will ich auch kein beispiel veröffentlichen, da sonst die arme dax darunter leidet. außerdem bekommen wir bald ein ganz neues ci was die kataloge betrifft, und ich denke da wird wohl auch die dax nicht mehr verwendet …
zum kommentar von david: es gibt keine SCHLECHTEN schriften – es gibt nur einen schlechten einsatz von schriften! so sehe ich das im grunde.
zu der aussage von fred, dass er nur serifenschriften für lauftext verwendet: die zeit, in denen man nur serifenschriften als copytext verwenden kann ist vorbei! es gibt mittlerweile schon so viele gute groteskschriften die sogar viele antiquaschriften bezüglich lesbarkeit schlagen! das haben wir natürlich so herausragenden typographen wie spiekermann etc. zu verdanken! also ich an deiner stelle würde die alten vorurteile einmal ablegen und mich mal an was neues wagen – glaub mir es lohnt sich :)
wir haben gerade die dax bei einem neuen projekt eingesetzt. sie funktioniert meines erachtens sehr gut in den headlines als auch im lauftext. einzig bei zweizeiligen headlines gibt es nach meinem geschmack probleme beim durchschuss. aber wie mein vorredner sagte, hier muss man die schrift auch als gestaltungsmittel sehen und sie dementsprechend einsetzen oder eben nicht!