× Interview mit Jürgen Huber
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15. Mai 2007, 11.27 Uhr | Kategorie
Typografie
Für das aktuelle Slanted-Magazin führte ich ein Interview mit Jürgen Huber, seines Zeichens Fontdesigner und Professor für Typografie und 2D-Design an der FHTW Berlin über Fonts, Inspiration und seine Professur. Da es nun endlich wieder bestellbaren Heftnachschub gibt, möchte ich noch einmal meine Kaufempfehlung aussprechen. Vielleicht kann ich das Ganze mit einem kleinen Auszug aus meinem Interview schmackhaft machen, das in voller Länge in Slanted #04 nachzulesen ist?
IG: Wovon lässt du dich beim Zeichnen einer Schrift beeinflussen?
JH: Meist hat man eine Idee für ein Schriftkonzept. Eine Schrift im Wesentlichen aus einer Problemlösung heraus zu entwickeln macht es selbstverständlich einfacher, aber letztlich ist es doch immer ein ästhetisches oder gar künstlerisches Problem. Es ist immer die Suche nach Ausdruck. Die Inspirationsquellen dazu sind vielfältig. Beim letzten Font ohne konkreten Auftrag, der FF Plus, wurde ich beispielsweise von einer bestimmten Proseccoflasche inspiriert. Bei Corporate Fonts hingegen ist es insofern einfacher, als dass man ein Bild hat, worin sich der Font einfügen muss.
IG: Wonach benennst du sie?
JH: Ganz unterschiedlich. Meistens ist das doch irgendwie Eingebung: Das ist jetzt der Name, passt. Bei der Plus war es so, dass ich einen Namen gesucht habe, der in allen drei großen Sprachräumen funktioniert, also Englisch, Deutsch und Französisch. Da ist Plus überall sauber auszusprechen.
IG: Welche Schrift ist dir deiner Meinung nach am besten gelungen?
JH: Ich habe eine Schrift gemacht für die touristische Region Südtirol. Die halte ich nach wie vor für sehr gelungen, weil sie meiner Meinung nach den Flair dieser Region extrem gut einfängt, weil sie sehr nahbar und warm ist und weil sie so lebendig ist, dass sich die Fehler, die dort vielleicht drin sind, sehr gut nivellieren. Je präziser eine Schrift ist, umso mehr fallen ja etwaige Abweichungen auf.
IG: Ich bin ein großer Fan deiner Ginger, speziell der Flamboyant-Schnitte. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Umsetzung?
JH: Ich wollte einfach zwei Dinge vereinen, die absolut nicht zusammenpassen. Die Schnörkel der englischen Schreibschriften mit einem relativ brachialen Zeitgeist-Font zu kombinieren war einfach mal ein Wagnis, ein Experiment.
IG: Welche Entwicklung kannst du selbst beschreiben, wenn du deine ersten Arbeiten mit den aktuellsten vergleichst? Gehst du heute ganz anders zu Werke als früher?
JH: Heute versuche ich mich wieder viel mehr am Schreiben als Inspirationsquelle zu orientieren. Ich gehe weniger den Weg der digitalen Suche nach Form, sondern eher den der schreiberischen, der zeichnerischen, der Formsuche mit dem Pinsel. Mit manuellen Werkzeugen suche ich Formen. Das hab ich früher mehr digital gemacht und mehr mit einem technisch-konzeptionellen Ansatz.
IG: Beispielsweise bei der FF Angst?
JH: Dort war es fotomechanisch, könnte man sagen. Sie entstand aus der Überlagerung zweier Schriften, die ich dann auf den Scanner gelegt habe und entweder mit dem Scanner oder gegen den Scanner gezogen habe. Mit ihm werden die Formen dann eher breit, gegen ihn eher schmal.
IG: Wird die Welt wirklich immer komplizierter?
JH: Es kommt mir jedenfalls so vor. Woran liegt das? Wahrscheinlich weil die Welt dichter wird, enger.
IG: Was stimmt dich dennoch zuversichtlich?
JH: Global gesehen stimmt mich eigentlich wenig zuversichtlich. In der Komplexität dieser Zeit wird es immer schwieriger.
IG: Seit fast drei Jahren bist du nun Professor für Typografie an der FHTW Berlin. Oft wird beklagt, dass sich das Bildungsniveau in Deutschland auf dem absteigenden Ast befindet. Kannst du das anhand deiner eigenen Erfahrungen mit Studierenden deiner Hochschule widerlegen oder gar belegen?
JH: Ich meine, ich kann es belegen. Durch die Passivität, mit der wir den Medien begegnen können – wir müssen nicht aktiv auf sie zugehen, können ihnen passiv gegenüberstehen – lässt unsere eigene Kreativität nach. Ich muss nicht mehr aktiv einen kreativen Zeitvertreib ersinnen, sondern ich kann mich in die Couch fallen lassen, den Fernseher, das Internet oder ein Videospiel auf mich einprasseln lassen. Dieses Phänomen bestätigen meine Kollegen ebenfalls.
IG: Glaubst du, dass Studiengebühren daran etwas ändern können? Dass durch die daraus eventuell resultierende Kundenhaltung der Studierenden und deren Erwartungshaltung vielleicht auch eine Selbstforderung entstehen könnte?
JH: Ich könnte mir vorstellen, dass dies im schlimmsten Fall dazu führt, dass sich diese Konsumhaltung noch stärker ausprägt. Dann mit dem Argument »da muss was kommen, ich zahl ja auch dafür«. Dass weniger das eigene Suchen und das eigene Engagement im Vordergrund steht. Ein konkretes Beispiel. Mit meinem 6. Semester nehme ich derzeit an einem Plakatwettbewerb teil. Dort geht es unter anderem darum, auf dem Plakat zwei Textzeilen zu positionieren. Ich habe im Zuge dessen die Unfähigkeit einer Studentin kritisiert, die diese zwei Textzeilen enorm langweilig positioniert hatte. Sie entgegnete mit dem Argument, ich hätte dies ihr und ihren Kommilitonen noch nicht beigebracht. Da werde ich ganz hellhörig. Da ist plötzlich eine reine Konsumhaltung vorhanden. Die Studierenden können dann also ausschließlich das, was ich ihnen bis dato implantiert habe? Ist das im fortgeschrittenen Studium nicht eher peinlich?
Das ganze Interview und noch viiieeel mehr gibt es im Magazin, das auf magma-ka.de/Order/Slanted_04 für 10 Euro geordert werden kann.
Kommentare RSS
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vera
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Die unfähige Studentin
TrackBack URIaha,
ist ja interessant solche (grundsätzlich ja richtigen) Kommentare von einem Professor zu hören, der sich seid geraumer Zeit durch Lustlosigkeit und launisches Gebahren auszeichnet und jüngst sogar die Diplomprüfung seiner Diplomandin versäumte (als 1.-Mentor wohlgemerkt) - soviel zu Faulheit und Konsumverhalten!
Oha, Schande über mich, aber es ist tatsächlich so, dass ich zur Uni bzw. FH gehe, um schlauer zu werden, auszuprobieren und konkret an Projekten zu arbeiten – also etwas von der ganzen Sache zu haben.
Ein Studium kostet - auch ohne Studiengebühren - gehörig Geld, Zeit und Energie. Ja Teufel noch mal! - natürlich soll dafür auch was rumkommen. Wir schreiben uns doch nicht aus Jux und Dollerei an einer FH ein und arbeiten aus jugendlichem Übermut teilweise bis nachts für unsere Bildungsfinanzierung. Wenn es um Zeitvertreib ginge, ließe sich der einfacher und billiger arrangieren - zur Not auch mit Fernsehen bis zur Besinnungslosigkeit.
Auch wenn die Zeit der Großen Vorlesungen vorbei ist, ist fachlicher Input immer willkommen.
Die absichtlich doofe Text-Bild-Anordnung plus die Aussage à la “So, hier Motiv, da Headline - wie geht’s besser?” war als Provokation gedacht, um zwischen den vielen, nur den jeweiligen Studenten mit seiner Arbeit betreffenden individuellen “vielleicht ein bisschen weiter nach rechts? und etwas mehr Magenta?” auch mal wieder etwas Grundsätzliches zu diskutieren.
Wär nicht übel gewesen, wenn in so einer Diskussion außer mir auch gleichzeitig weitere Studenten allgemeingültige Schlüsse hätten ziehen können, oder? Und nicht nur ein weiteres Individualproblem mit “5 mm nach rechts und dann passt’s” gelöst worden wäre.
Ich halte es für katastrophal, dass der anschließende Kommentar “haben wir uns noch nicht explizit mit befasst, jetzt wär eine gute Gelegenheit, das durchzuexerzieren” - nicht als ehrliches Interesse an der Sache und an der Suche nach Lösungen, auch unter Einbeziehung der restlichen Feiertagsgesellschaft verstanden, sondern anscheinend als Leistungsverweigerung aufgefasst wurde.
Ich stimme übrigens Huber zu, dass ein Studium viel mit „Wissen selbst erarbeiten und an entsprechenden Stellen holen“ und gar nichts mit „abwarten, welches Wissen mich trifft“ zu tun hat. In diesem Zusammenhang würde ich o. g. Aktion unter „Impulse holen und selbständig weiterarbeiten“ verbuchen. Ist das schon Zurücklehnen und Konsumieren?
Grüße.
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