Design für den medialen Augenblick

2. April 2007 | 08.55 Uhr | Kategorie: Grafikdesign

Machen Sie mir ein Lifestyle-Magazin. Sie haben die totaaaaale gestalterische Freiheit. Machen Sie einfach, was Sie wollen. Es muss nur genauso aussehen wie ein Lifestyle-Magazin.

Jux, das neue SpülmittelSo ähnlich stelle ich mir das Briefing einer TV-Produktionsfirma vor, wenn sie für ihre Telenovela mal wieder eine entscheidende Requisite benötigt. In schleichwerbesensiblen Zeiten kann man nicht einfach eine bestehende Zeitschrift in die Kamera halten. Das hieße schließlich, sein eigenes Produzentengrab zu buddeln. Was also tun? Es bleibt nur, auf jene Requisite zu verzichten, wie die Öffentlich-Rechtlichen das gern praktizieren, oder ein fiktives Magazin designen zu lassen. Die letztgenannte Variante ist sicher die interessantere und zugleich die goldene Stunde der Fake-Designer. Die bekanntesten Filmgrafiker hier zu Lande, die genau in diese Bresche springen, sind Henning Brehm, Jan Hülpüsch und Daniel Porsdorf von Schein Berlin, der Agentur für die mediale Wirklichkeit im Prenzlauer Berg.

Die Herren von Schein Berlin Jan Hülpüsch, Daniel Porsdorf und Henning Brehm (v.l.) und ihre Produkte
Die Herren von Schein Berlin und ihr Repertoire: Jan Hülpüsch, Daniel Porsdorf und Henning Brehm (v.l.)

Ich hätte gern eine Schachtel von den … wie hießen die noch gleich?
Ein kleiner Blick in die »Schein«-WeltSchein Berlin gestalten alles, was auf den TV-Geräten und Leinwänden so auftaucht: Rechnungen, Kreditkarten, Geldscheine, Flugtickets, Flaggen, Firmenlogos, Plakate, Websites, Verpackungen, Magazine, Tageszeitungen, Bücher, Dosen, Flaschen, ja sogar Hitlers Briefpapier. Die Namen der nicht existierenden Produkte sind in der Regel auch Spielball der Fantasie der Berliner Designer. Der Produktionsfirma ist es meist egal, ob der Jungschauspieler nun Spin Cola oder 01 Cola trinkt. Hauptsache unauffällig, also der ungeschriebenen geltenden Norm entsprechend.

Auch die Kundenliste der Prenzlberger liest sich wie das Inhaltsverzeichnis eines Fernseh- und Filmkompendiums: »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«, »The Bourne Conspiracy«, »V for Vendetta«, »Der Rote Kakadu«, »Der Untergang«, »The Good German«, »Mission Impossible III« und »Moppel-Ich«. Alle orderten das eine oder andere Fake-Produkt. Eine äußerst spannende Branchennische, die in ihren gestalerischen Freiheiten sicher dem Designparadies schon sehr nahe kommt. Für noch mehr Informationen über dieses reizvolle Thema empfehle ich die Webseiten der drei Herren:

design-souvenirs.de | last-minute-design.de | schein-berlin.de

[Alle Fotos © Schein Berlin]

Wenn dir danach immer noch nach mehr Input zur Filmgrafik dürsten sollte, sei dir die englischsprachige Beleuchtung des Designs im Film »Idiocracy« von Armin Vit auf Speak Up ans unersättliche Herz gelegt.

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