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Fontwerk

× Rot für das Ampelweibchen

» 13. Januar 2007, 12.33 Uhr | Kategorie Design, Zeitgeist

Als ich jüngst das Foto vom Dresdner Ampelweibchen sah, fand ich das witzig. Als Pandon zum Standardsymbol eine amüsante Idee, toll für Touristen. Da wusste ich aber noch nicht, dass dahinter eine ernsthafte politische Initiative steckt.
Das Dresdner Ampelweibchen
Das Dresdner Ampelweibchen [Foto von J.Siebert]

Im Radio kurz darauf ein Interview mit Canan Bayram, Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus und frauenpolitische Sprecherin der SPD. Sie forciert ernsthaft die generelle Einführung von weiblichen Ampelsymbolen. Eine etwas konkretere politische Inititiative »Wien sieht’s anders« startete vor einigen Wochen in der Österreichischen Hauptstadt. Hier geht man sogar noch einen ganzen Schritt weiter und versucht, alle Piktogramme im öffentlichen Raum mindestens zur Hälfte zu verweiblichen.

Frauen bitte flüchten, Männer hiergeblieben!Was als Ausdruck lokalpolitischer Lockerheit noch amüsiert, ist als ernsthafte Idee so überflüssig wie ein Hühnerauge. Piktogramme sind in der Regel neutral und nicht männlich. Oder haben etwa alle Männer Glatze, sind geschlechtslos und laufen zu allem Überfluss nackt herum, wie der Ampelmann uns weiß machen möchte? Was soll ein Piktogramm überhaupt leisten? Es muss bereits im ersten Moment des Betrachtens klar erkennbar sein. Daher ist auf jedes überflüssige Detail zu verzichten. Hierzu gehören bei einem Menschen symbolisierenden Piktogramm Haare, Klamotten und sonstige spezielle Merkmale. Sonst muss man am Ende noch Kinder berücksichtigen, Frisurentrends, körperlich Versehrte, religiös Verschleierte und verschiedene Farbigkeiten für unterschiedliche Hautfarben. Um dem Ganzen vielleicht noch eine kleine nette Anmutung zukommen zu lassen kann man ja auf dezente Mittelchen zurückgreifen, wie etwa die Hände beim beliebten Ostampelmännchen. Aber eben immer neutral gegendert [ein Unwort!] und unter der Maßgabe, dass eine prägnante Informationsweitergabe vor halbgarer Political Correctness steht. So meint Markus Heckhausen von Ampelmann Berlin treffend über derartige Bestrebungen:

Der Rock und die Zöpfe nehmen den Figuren die Klarheit, die sie nach umfangreichen Studien von ihrem Entwickler Karl Peglau 1961 [Ost-Ampelmann, I.G.] bekommen haben. Und bei einem derart wichtigen Thema sollte auch nicht all zuviel experimentiert werden.

Es scheint offensichtlich zum Trend zu gehören, das ohnehin schwindende Gemeinverständnis weiter zu demontieren, sich noch deutlicher vom Mitmenschen abzugrenzen. »WIR wollen nicht vergessen werden. WIR auch nicht. Und WIR schon gar nicht.« Will man das wirklich?

Besteht durch die detailliertere Darstellung von Piktogrammen nicht auch die Gefahr, dass sich nur noch bestimmte Personengruppen an etwaige Verbotsschilder halten, nur noch Frauen bei Rot an der Ampel stehen bleiben, alle Muslime den Fußgängerüberweg boykottieren? Okay, der Sarkasmusmodus wird an dieser Stelle wieder deaktiviert. Aber genau darin liegt die Schwierigkeit in der Gestaltung von Piktogrammen. Die detaillierte Abstraktheit, möchte ich sie mal so nennen. Schnell erkennen, den Hinweisen folgen und nicht von einem Auto überfahren werden.

Abschließend stellt sich natürlich noch die Frage, ob derartige Mittel tatsächlich eine gesellschaftliche Gleichberechtigung schaffen? Ändert ein weibliches Verkehrszeichen wirklich etwas an den Lohnunterschieden zwischen Männern und Frauen? Werden wir dadurch gleich[berechtigt]er? Ich finde es bedenklich, dass gerade jene frauenpolitische SprecherInnen und Gender-Mainstreaming-Faschisten die Damen der Schöpfung auf lange Haare und Rock reduziert darstellen wollen. Immer schön die traditionellen aber überholten Wertvorstellungen pflegen. Damit dürfte ihrem eigentlichen Ansinnen doch wenig gedient sein. Unter diesen Gesichtspunkten braucht man über die Sinnhaftigkeit von den entstehenden Kosten wohl kaum noch zu diskutieren.

Das Bestreben nach einer Gleichbehandlung von Frau und Mann ist längst nicht abgeschlossen und weiterhin wichtig. Es gibt aber Bereiche, die vom blinden Aktionismus verschont bleiben sollen. Dazu gehören Zeichen und Symbole, die der allgemeinen Sicherheit dienen, eben beispielsweise Ampelmenschen. Es gilt, gemeinsam die wirklichen Probleme in diesem Bereich anzupacken, als Fronten wieder deutlicher herauszuarbeiten und Unterschiede zu manifestieren. Das sind Zeichen der Hilflosigkeit und Zeugen eines Problemunverständnisses, die die eigentlichen Probleme sicher keinen Schritt näher an Lösungen heranbringen werden.

Geschrieben von Ivo


Kommentare RSS

  1. Stefan

    Du sprichst mir der Seele/in. Es/Sie ist doch schon nervig, dass alles irgendwie in ein weibliches Schema/in gepresst werden muss, ob es/sie nun passt oder nicht, nur um es einigen für die Realität/in blinden Aktionisten/innen recht zu machen. Geholfen ist damt niemand, der/die Alltag/in wird damit nur unnötig erschwert.

  2. Harki

    Interessant daran ist auch, daß diese Unsäglichkeiten gerade in Österreich so weit getrieben werden. Die schreiben da auch heute immer noch und vor allem auch immer mehr mit dem großen I (StudentInnen etc.) - also ein Hieroglyphe, die hier in D doch eine argen Rumpelkammergeruch nach späten 80er / frühen 90er Jahre hat. Gerade Österreich, dem man doch, was Fragen des guten Geschmacks angeht, eher und in der Tat auch zurecht eine erhöhte Kompetenz zumessen würde!

    Ich habe mich darüber verschiedentlich mit Österreichern unterhalten, wir sind aber zu keinem klaren Ergebnis gekommen. Am ehesten noch wurde in etwas folgendes gemutmaßt: “Ja, natürlich können sich Österreicher besser benehmen als (andere) Deutsche, aber in der österreichischen Politik gibt’s halt noch mehr Proleten als in der bundesrepublikanischen. Vermutlich daher.” Ab und zu wurde auch der “hoffnungslose Provinzialismus” der Republik Österreich als Erklärungsansatz bemüht.

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