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× Über Gebühr(en)

» 8. November 2006, 12.10 Uhr | Kategorie Medientechnik, Zeitgeist

Das Internetangebot der Öffentlich-Rechtlichen auf dem Prüfstand

Die Ministerpräsidenten haben am 19. Oktober 2006 beschlossen, dass für »Neuartige Rundfunkgeräte« (Internet-PCs) ab Januar 2007 eine GEZ-Gebühr in Höhe von 5,52 Euro zu entrichten ist.

Viele Diskussionen sind ob der generellen Gerechtfertigung einer Pflichtabgabe für Benutzer von internetfähigen Computern geführt worden. Da es wohl so schnell kein Zurück von diesem Beschluss geben wird, möchte ich mich mit dieser Frage an dieser Stelle nicht auseinandersetzen, wohl aber untersuchen, ob denn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und der »Kunde« ausreichend Mehrwert für sein Geld bekommt. Auffallend ist nämlich, dass vor lauter Jammern innerhalb der Diskussion die tatsächliche Leistung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an Internetdiensten kaum beleuchtet oder hinterfragt wurde. Kurzum: Gibt es eigentlich das Angebot, welches laut Gesetzgeber vom Bürger nachgefragt wird und ihm daher in Rechnung gestellt werden soll?

Testen wir daher stichprobenartig einige Sender, die ich persönlich derweilen »konsumiere«. Da wäre zunächst Radio 1 vom Rundfunk Berlin-Brandenburg. Gleich auf der Startseite von radio1.de wird der Livestream angepriesen. Man hat die Zeichen der Zeit also erkannt. Das ist zunächst sehr begrüßenswert. In der Praxis jedoch läuft der Webserver offenbar auf Sparbetrieb, so dass man meistens wenig Glück hat, sich mit seiner Software in den Stream zu schalten, es sei denn, man probiert es mitten in der Nacht oder am späten Abend, wenn die Server weniger belastet weil weniger angesteuert werden (in China habe ich dank Zeitverschiebung immer Empfang bekommen, musste mich dafür aber mit dem langweiligen Nachtprogramm begnügen). Ansonsten hilft nur Hartnäckigkeit, bis man sich virtuell durch die Serverkabel quetschen konnte und seinen Platz endlich innehat. Hat man Pech, überlegt es sich der Server nach einiger Zeit wieder anders und unterbricht die Übertragung aufgrund zu hohen Datenstroms. Auffallend positiv ist hingegen die Verfügbarkeit von Podcasts ausgewählter Beiträge des Radio-1-Programms. So kann man sich beispielsweise Interviews zeitversetzt auf seinen Rechner und/oder MP3-Player herunterladen (z.B. »Hörbar Rust«), oder sogar Beiträge, die ausschließlich als Podcast verfügbar sind (z.B. »Die geheimen Tagebücher von Radio 1«) und somit das eigentliche Radioprogramm entsprechend ergänzen.

Vorbildlich: Der Deutschlandfunk (dradio.de) bietet vier verschiedene Streams an, unter anderem einen unkomplizierten Flash-Player mit verhältnismäßig ansprechender Audioqualität.Bei meinen Besuchen im Hessischen war ich stets begeisterter Hörer von HR1, welcher eine bemerkenswerte Mischung informativer Text- und geschmackvoller Musikbeiträge in den Äther sendet. Mein Versuch, den Sender über das Internet auch in Berlin zu genießen, schlug allerdings fehl. Der Grund hierfür ist einfach wie leider auch unverständlich. HR1 bietet unter hr-online.de/website/radio/hr1 lediglich Podcasts bestimmter Rubriken an (z.B. »Achtung, Zudeick!«) und verzichtet komplett auf einen Livestream. Die Hessischen Landesrundfunkanstalten meinen scheinbar, dass sich dies nur für HR3, HR Info und YOU FM lohnt und koppeln HR1, HR2 und HR4 vom CPU-gesteuerten Empfangsgerät ab. Hier besteht ganz eindeutig Nachholbedarf.

Wie steht es aber mit dem viel gepriesenen Internetfernsehen? Betrachtet man hierzu einmal die beiden großen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, fällt auf, dass sich die Direktübertragung online beim Ersten auf die Nachrichtenmagazine und »Harald Schmidt« beschränkt, was zumindest den guten Willen der Verantwortlichen deutlich macht. Manche Highlights kann man sich zeitversetzt anschauen, so zum Beispiel »Menschen bei Maischberger«. Im schönen Neudeutsch nennt sich das dann Video on Demand und setzt lediglich bestimmte kostenlose Software auf dem heimischen Rechner voraus. Die »Tagesschau« kann man so nicht nur ansehen, wann man will, sondern auch wie oft man will. Falls die Sehnsucht nach Jan Hofer mal wieder stärker werden sollte …

Beim ZDF darf es da bereits etwas mehr sein. Das Hauptprogramm wird hier flankierend unterstützt, beispielsweise durch ganztägige Liveschaltungen aus dem Bundestag. Vom normalen Programm werden zeitgleich meist nur die beiden Hauptsendungen am Abend im Internet zur Verfügung gestellt. Dafür kann man aber parallel zu »Julia - Wege zum Glück« mit weiteren Telenovela-Fans chatten. Mir persönlich würde das ganz normale Programm als verlässlicher Livestream bereits ausreichen. Dass die Qualität des Ganzen – bedingt durch den derzeitigen technischen Stand der Datenübertragung – noch Welten von der des althergebrachten Fernsehers entfernt ist, lasse ich an dieser Stelle besser auch außen vor.

Fazit: Ich sehe einen gewissen Nachholbedarf der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bezüglich ihrer Angebote für Nutzer »neuartiger Rundfunkgeräte«, insbesondere bei den regionalen Radiosendern. Wenn Gebühren für den Empfang über die moderne Technik verlangt werden, sind die Anstalten auch in der Pflicht, diesen Empfang ihres Grundprogramms zumindest theoretisch zu ermöglichen und einen ausreichend empfangbaren Livestream anzubieten, bevor man sich auf – durchaus wünschenswerte – Spielereien und Gimmicks wie Podcasts, Chats usw. konzentriert. Schließlich leistet sich auch niemand das Premiere-Fußball-Paket, wenn man hiermit live nur die 2. Liga empfangen kann und von der Champions League ausschließlich über Video on Demand vom Mannschaftstraining berichtet wird.

Geschrieben von Ivo


Kommentare RSS

  1. kleen-b

    da muss ich doch glatt noch lobend die wrd-webmedia-bibliothek erwähnen. viele spannende reportagen und diskussionen haben mir hier in der ferne schon die abende versüßt!

  2. Alex

    Also, ich muss zugeben, dass ich ein starker Gegner dieser neuen Gebühr bin und immer noch nicht verstehe, wie einen ein “schlechtes” Produkt aufgezwängt wird, welches man nichts nutzt oder nicht nutzen will.

  3. m

    Computer sind keine Rundfunkgeräte!

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