× Auf der Suche nach der deutschen Formel
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10. Juni 2006, 13.53 Uhr | Kategorie
Zeitgeist
Mit Pessimismus zum vierten Titel?
Inter gewinnt mit Fußballgala gegen Donezk! So titelte die italienische Gazetta dello Sport enthusiastisch nach dem 2:0-Auswärtssieg Inter Mailands in der dritten Qualifikationsrunde der Champions League gegen das ukrainische Spitzenteam von Schachtar Donezk. Mit einigem Erstaunen las ich diese Zeilen vergangenen August während meines Toskana-Urlaubes. Ich erinnerte mich nämlich an eine ähnliche Situation, genau vier Jahre zuvor. Der amtierende deutsche Meister Borussia Dortmund besiegte damals ebenfalls die „Bergarbeiter“ aus der Ukraine mit 2:0. Bereits damals wunderte ich mich über die Reaktion der deutschen Medien über dieses Ergebnis: Knapper Sieg gegen Fußballzwerg war seinerzeit einstimmiger Tenor der hiesigen Presselandschaft. Unter dem Hintergrund der vergleichbaren Situationen jedoch erschien eine derart unterschiedliche Betrachtungsweise äußerst unverständlich. Wieso feiern die Italiener jeden Sieg, auch einen aus deutscher Sicht kleinen? Wieso muss eine deutsche Mannschaft angeblich kleine Gegner mit deutlicher Tordifferenz vom Platz fegen? Warum können wir uns nicht einfach über einen Erfolg freuen und ihn entsprechend im Sinne des Wettkampfgedankens würdigen?
Ein ebenfalls häufig zu beobachtendes Phänomen ist der Pessimismus im Vorfeld eines Fußballereignisses. Wer hätte vor vier Jahren ernsthaft auf das deutsche Erreichen des Finales der Weltmeisterschaft gewettet? „Die fliegen in der Vorrunde raus“ hörte ich beinahe täglich, wenn ich im Freundeskreis auf vorweltmeisterschaftlichen Stimmenfang ging. Zugegeben, es war nicht besonders schöner Fußball, mit dem Rudi Völlers Männer in Japan und Südkorea glänzten, effektiver offensichtlich schon. Am Ende konnte unsere vierte Vizeweltmeisterschaft in der siebenten Finalteilnahme in die Geschichtsbücher eingetragen werden. Zugtraut hatten das dem Nationalteam wenige, jene vereinzelte Optimisten wurden nur mitleidig belächelt. Gefeiert wurde nach diesem Erfolg aber auch. Die Bilder von jubelnden Menschen auf dem Frankfurter Römer werden gerade in diesen Tagen wieder oft und gern aus den Archiven geholt. Sollte diese Freude aber nur gerade deswegen so groß gewesen sein, weil „niemand“ damit rechnete?
Auch in diesem Jahr bot sich Berufsoptimisten wie mir wieder dasselbe grausige Bild, reihenweise wurden Niederlagen gegen Costa Rica und Ecuador von zahlreichen Hobbywahrsagern vorausgesehen. Wieder schaue ich schon ein wenig neidisch auf unsere europäischen Nachbarn wie Italien, England oder die Niederlande, die keinen Zweifel daran hegen, wer 2006 als Weltmeister das Turnier verlässt oder auf viel gepriesene Fußballzwerge wie Togo, Ghana oder Trinidad und Tobago, die allein mit der Qualifikation bereits einen enormen Erfolg erreichten und genau das in ihrer Freude zum Ausdruck bringen. Wo ist das deutsche Selbstbewusstsein in Bezug auf die eigenen sportlichen Fähigkeiten? Wo ist die Vorfreude auf das seit Jahren wichtigste sportliche Großereignis im eigenen Land, welches selbst bereits einen immensen Gewinn bedeutet.
Ist der deutsche Nationalsport, treffender der Umgang mit ihm etwa Sinnbild für die Republik selbst? Kann Fußball tatsächlich auch als Ausdruck der Lebensart einer Gesellschaft herhalten? Sind wir Deutschen also tatsächlich nicht mehr in der Lage, positiv in die Zukunft zu schauen oder eigene Erfolge entsprechend zu würdigen? Dann gibt es also keine Aussicht auf Verringerung der Arbeitslosenzahlen, auf Lösung des deutlich werdenden Migrationskonfliktes, auf Beseitigung von „No-Go-Areas“? Wir freuen uns also nicht über Verbesserungen im PISA-Ranking, Schönwetterphasen und niedrige Benzinpreise. Wenn ich so recht darüber nachdenke, ist zumindest in Bezug auf ersteres, also den Pessimismus diese Tendenz in der Tat gesellschaftlich erkennbar. Über Erfolge scheinen wir uns noch immer freuen zu können. Gott sei Dank. Die fehlende Vorfreude aber, die ja bekanntlich die schönste ist, versuche ich mir selbst mit der Angst vor Enttäuschungen zu erklären. Die Theorie, dass mit einer freudigen und optimistischen Herangehensweise an bestimmte zu bewältigende Problematiken selbige viel einfacher zu meistern sind, hat sich offenbar noch nicht in deutschen Breiten herumgesprochen. Die Angst vor Enttäuschungen scheint zu sehr manifestiert zu sein in der Gesellschaft. Dabei könnte die Formel des Erfolg ganz einfach lauten: weniger Enttäuschungen durch größere optimistische Herangehensweisen. Wenn doch der Fußball angeblich eine so große Wirkung auf das Befinden einer Nation hat, dann sind es vielleicht gar die Fußballfans, an denen unser Schicksal geknüpft ist? Ein selbstbewusstes „Wir werden Weltmeister!“ könnte dann auch so manch anderes Problem lösen.
Dass die „Deutsche Formel“ nicht ganz so simpel hergeleitet werden kann will auch mir einleuchten. Dennoch, ich bin mir sicher, dass es zwischen dem Optimismus ob einer Aufgabe und der Bewältigung derselben einen kausalen Zusammenhang geben muss. Ich weiß nur noch nicht genau welchen. Ich komme aber noch dahinter. Da bin ich ganz zuversichtlich. Spätestens nach der Feier am Abend des 9. Julis 2006 …
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Stefan
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Alex
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Nick Blume
TrackBack URIVielleicht liegt dieses Verhalten daran, dass es beim Fußball nicht mehr um den eigentlichen Sport geht? Es geht um Millionen-Gehälter, Sponsorengelder, vom denen andere (statistisch gesehen erfolgreichere) Sportler nur träumen können, um das sich selber überbieten. Mit dem Sport hat dieses ganze Getue nichts mehr zu tun, da gehts nur ums Geschäft.
Stefan hat (leider) sehr Recht, doch bei einer Partei ist es ein Glück nicht so - den Fans. Ihnen ist es wenn der Anpfiff ertönt egal wie viel die Organisation, blödsinnige Rechteverteilungen und sogar die Spielergehälter gekostet haben. Sollen Sie doch Millionen verdienen, denken Sie sich. Es wird so viel Geld verschwendet, aber dann einer “wahnsinnig” wichtigen “Weltveranstaltung” nicht die Wirkung und Ehre zukommen zu lassen, ist wohl auch das Falsche. Wenn sich Deutsche und Türken in den Armen liegen hat sich doch eigentlich schon alles gelohnt… ;-) Und dies sage sogar ich als Nicht-Fußballfan.
P.S. Mein Tipp 3:1 für Deutschland war eigentlich gar nicht mal so schlecht… ;-)
Der Optimismus war bei uns immer nicht so gut ausgeprägt… es nervt mich wirklich, wenn ich einen sagen höre, “keine Lust mehr” oder “kein Bock”. Am besten ist es immer, gut gelaunt und mit Optimismus an die Sache ranzugehen…
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