In gewohnt gemütlicher Atmosphäre trafen sich am vergangenen Donnerstag weit über 30 Schriftbegeisterte zur 14. Auflage des Berliner Typografiestammtischs. Nachdem wir einen gratulierenden Applaus zu unseren Offenbacher Brüdern und Schwestern im Geiste schickten, wo jüngst das fünfjährige Jubiläum gefeiert wurde, durften die Anwesenden gespannt den Ausführungen Ludwig Übeles lauschen. Ludwig ist freiberuflich arbeitender Grafikdesigner mit einem hervorragenden Talent für die Gestaltung von Schriften unterschiedlichen Charakters. Serifenlose, Textschriften, bis hin zu Ich-bin-doch-nicht-blöd-Hausschriften: alles kein Problem. Das, kombiniert mit einem umfangreichen Fachwissen, einer sehr sympathisch bedachten Art sowie einer oft ganz trockenen Sicht auf die Typodinge ließen den Abend nicht nur kurzweilig, sondern vor allem inspirierend werden. Nicht ohne Grund hat Ludwig vor allem im letzten Jahr in zahlreichen Hitlisten einen festen Platz eingenommen, zum Beispiel auf Typographica oder dem TDC.
Wer übrigens keine Typostammtische der Republik sowie sonstige wichtige Termine verpassen möchte, sollte mal einen näheren Blick auf Dan Reynolds’ neuen »Type Meet-Up Calendar« werfen. Wer dann auch noch mehr Fotos von diesem und den vergangenen Typostammtischen sehen will, darf sich gern in unserer Flickr-Gruppe umschauen. Die hier gezeigten Fotos wurden freundlicherweise von Indra Kupferschmid [die extra aus Essen anreiste] und Florian Hardwig zur Verfügung gestellt.
Darf man einen Artikel mit dem Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben beginnen? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass es ein Fehler war, das neue TypoJournal nicht zu bestellen, nachdem es vor knapp zwei Wochen auf den Markt kam. Mein »Problem« ist, dass ich derzeit etwas Magazin-müde bin und zudem noch einigen Lesestoff vor mir habe, zu dem ich partout nicht komme. Es warten sogar noch einige Bücher auf mich, die hartnäckig im Status eingeschweißt verharren. So musste mir Herausgeber Ralf Herrmann das Magazin, welches sich als Offline-Evolution des größten deutschsprachigen Typoforums versteht, schon persönlich auf dem Typostammtisch [Bericht folgt] überreichen. In der morgendlichen Badewanne habe ich es mir dann schließlich zu Gemüte geführt.
Gleich zu Beginn überrascht mich der Beitrag zum Titelthema »Fundsachen«. Dort zeigen zahlreiche Typografie.info-Mitglieder ihre liebsten Typofundstücke. Mit dem Interview mit Barbara Dechant und Anja Schulze bekommt das Berliner Buchstabenmuseum ein Gesicht. Die Schriftfamilie Helsinki kannte ich bislang nur aus dem Netz und mobilisiert gedruckt weitere Kräfte. Georg Seiferts Graublau Sans als Fließtextschrift sowieso, auch wenn sie mir mindestens einen Punkt zu klein erscheint. Die Liberta von Friedrich Althausen, der ein umfangreicher Artikel gewidmet ist, stellt sich als eine bemerkenswerte Neuentdeckung dar. Ein hilfreicher Beitrag aus dem Typowiki macht im Magazin einen deutlich nachhaltigeren Eindruck als online. Ebenso der Buchtipp.
Fazit: Ein gelungenes Experiment, welches die Erwartungen voll erfüllt. Zwei Tipps möchte ich den Machern des Magazins jedoch noch auf den Weg geben: zum einen vermisse ich einen Heftrücken, allein schon, um meinen Noch-zu-lesen-Stapel besser im Griff zu haben. Zum anderen muss ich leider sagen, dass das Papier extrem ungehalten auf Badewannenwasser reagiert …
Design made in Germany
Sowas konnte hier nicht passieren: Fast gleichzeitig veröffentlichten Nadine Roßa und Patrick Sommer das erste Design made in Germany—Design Magazine. Ganz im Gegensatz zum TypoJournal geht es hier nämlich rein um die digitale Verbreitung der frohen Botschaft, genauer gesagt interessanter Projekte deutscher Agenturen, Grafikbüros und Designer. In Fallstudien wird deutschem Design auf den Grund gegangen.
Auch DMIG startet mit einer Art Designercrowdsourcing, indem eben jene Frage nach den Merkmalen typisch deutscher Gestaltung verschiedenen internationalen Fachleuten gestellt wird. Das Besondere ist, dass jeder Artikel von einem dritten Grafiker oder Gestalter umgesetzt wurde, was das Magazin angenehm auflockert und somit ganz nebenbei auf mehreren Ebenen inspirierend wirken lässt. Sowohl optisch als auch inhaltlich finde ich das Onlinemagazin sehr erfrischend. Das Konzept ist reizvoll und durchdacht, von Seite eins bis Seite 63.
Und wieder hallt der Ruf der Buchstaben durch die Hauptstadt. Die »Mini-TYPO«, wie sie letztens von einem Besucher genannt wurde, lädt wieder einschlägig Interessierte zu einem Abend voller Serifen, Punzen und Oberlängen ein. Morgen Abend wird uns dann jemand Einblick in seine Arbeit gewähren, auf den ich mich als großer Fan seiner Arbeit sehr freue: Ludwig Übele, dessen Fonts nicht nur regelmäßig in sämtlichen Hitlisten auftauchen, sondern uns auch täglich über nahezu alle Medien von diversen bekannten Produkten überzeugen wollen. Die Plätze sind auch diesmal fast schon alle besetzt, für die wenigen Restplätze genügt noch fix die einfache Anmeldung per E-Mail.
Auf den Tag genau vor zehn Jahren schubste ich meine erste Website ins Netz. Mit dem eigenhändig in Netscape Composer erstellten Vorläufer dieser gerade betrachteten Seite wurde ich innerhalb meines persönlichen Umfeldes noch als Exot betrachtet. Unglaublich, wie dieses Medium seitdem in unserem Leben Platz genommen hat. Ich war seit meiner Online-Entjungferung, die in Form eines Besuchs der Website der Fantastischen Vier etwa drei Jahre zuvor stattfand [damals noch erreichbar über ein extrem langsames, aber lautes Modem sowie der Eingabe einer ewig langen CompuServe-URL], auf geradezu dämonische Weise von ihm fasziniert. Diese Begeisterung hält bis heute an.
1999 war Webspace noch ein kostbares Gut, so dass ich meine ersten Gehversuche auf dem Server meiner damaligen Hochschule machte. Dazu musste man dem entsprechenden wissenschaftlichen Mitarbeiter eine Diskette in die Hand drücken, der die darauf befindlichen Webdaten dann munter auf den Uniserver kopierte. Bei jedem einzelnen Update …
Am 14. Juni1999 tanzten also erstmals die animierten GIFs über den dezent dunkel gekachelten Hintergrund, mit negativer Times New Roman wurden die fälligen Botschaften in die Welt posaunt. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, knapp fünf davon mehr oder weniger in Blogform. Zehn Jahre aktiven Auslotens der Möglichkeiten weltweiter Vernetzung. Zehn Jahre des privaten Globalpublizismus. Zehn Jahre des Ausreizens technischer und inhaltlicher Möglichkeiten. Zehn Jahre, in denen ich viel über das Medium gelernt habe. Und über mich selbst.
2009 sieht meine Internetwelt so aus: Zeit ist mit 30 Jahren deutlich kostbarer geworden, als sie es noch im zarten Alter von 20 war. Praktische Spielereien mit den neuesten technologischen Entwicklungen sind einfach nicht mehr drin. Allein ein neues Design der Website ist auf mittelfristige Sicht nicht machbar. Auch inhaltlich ist es schwer geworden, Schritt zu halten. Dabei mangelt es keinesfalls an potenziellen Themen und Ideen. Im deutschsprachigen Bereich ist das typografisch-fachliche Angebot an lesenswertem Futter zudem sehr übersichtlich geworden. Will heißen, dass heute eigentlich die beste Zeit für entsprechenden textlichen Ausstoß ist. Doch diese wertigen Beiträge entstehen leider nicht beim halbstündigen Morgenkaffee. So kommt mir der aktuelle Massentrend der 140 Zeichen gelegen. Die Themen werden in Tweets nicht mehr intensiv vorgestellt, ausgeweitet oder bewertet, sondern vielmehr quantitativ statt qualitativ und überhaupt gezwitschert. Auf zwei Twitterkanälen befriedige ich schnell und dreckig das eigene Mitteilungsbedürfnis: privat auf twitter.com/fontwerk und beruflich auf twitter.com/FontFont. Dann und wann erscheint sogar noch ein Beitrag in der Tradition alter Zeiten im Fontblog bzw. im FontFeed, aber das kann man alles auch an einer Hand abzählen. Auch im ehemals regelmäßig und eine Zeit lang sogar ausschließlich von mir bedienten Fotobereich habe ich mich längst entschleunigt und bin auf die analoge Fotografie umgestiegen. So passiert dieser Bereich quasi nur noch unbemerkt, weil fernab des globalen Netzes. Eine paradoxe Situation, denn prinzipiell steigen die eigenen Ansprüche gleichzeitig mit den Erfahrungen, dem Wissen und den Ideen — aber leider eben entgegengesetzt zum vorhandenen Freizeitrahmen.
So muss man bei einem solchen Jubiläum auch fragen dürfen: wird es in zehn Jahren die Website immer noch geben? Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass ich morgen einfach alles stoppe oder gar lösche, um nur noch passiv am Webgeschehen teilzunehmen. Es kann aber auch sein, dass ich morgen genauso gut mit einem regelmäßigen Typo-Videocast, einer neuen zweisprachigen Artikelreihe oder aufwändigen Schriftenportraits an den Start gehe. Ich weiß es wirklich nicht. So bleibt mir nur, die vergangenen zehn Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen und einzusehen, dass letztlich wohl auch dieser Artikel in 140 Zeichen hätte Platz finden können.
Vielen Dank für die mir und meinen Themen bisher geschenkte Aufmerksamkeit.
Nach zwei Monaten Leerlauf im Fontwerk wird es mal wieder Zeit für ein paar Zeilen. Was liegt näher, als kurz noch die vergangene TYPO Berlin zu resümieren, wie ich es auch in den letzten Jahren getan habe. Diese TYPO war eine sehr besondere für mich, da ich zum ersten Mal als Sprecher aktiver Teil der größten europäischen Designkonferenz sein durfte. Um es gleich vorweg zu nehmen: dieser Teil der Veranstaltung lief recht gut. Zu meiner eigenen Überraschung konnte ich mich fünf Minuten vor Präsentationsbeginn auf den Ruhepuls von Dschamolidin Abduschaparov einstellen, so dass die Situation auf der Bühne erträglich wurde und so die unendlichen typografischen Weiten von OpenType im Vordergrund standen [Bericht von HD].
Leider habe ich den Großteil der anderen Vorträge in diesem Jahr verpasst, da ich viel zu sehr damit beschäftigt war, die Zeit mit vielen tollen Leuten zu verbringen. Auch wenn es abgedroschen klingt, aber das Ganze ist am Ende vor allem ein großes Familientreffen … mit dem Unterschied, dass am Ende auch drei Tage nicht ausreichen, mit allen genügen Zeit zu verbringen. Mein persönliches Programmhighlight des ersten Tages war schließlich Pantea Lachins Vortrag über die Gruppenaustellung Kath Keshi, wohingegen ich persönlich etwas enttäuscht von Esther Dysons Keynote und Florian Fischers »Form Follows Space«-Dingens war.
Der zweite Tag startete erfrischend mit einem Pecha Kucha, das es über den Typostammtisch nun auch auf die große Bühne geschafft hat und auch hier mit seinem kurzweiligen Charakter begeistern konnte. Reading-Absolvent Mitja Miklavčič widmete sich danach eingehend der guten alten Clarendon, was sehr fundiert, aber manchen offenbar zu trocken erschien. Chip Kidd rundete den Abend mit seinem mehr komödiantischen Vortrag unter dem Credo »Bitch, I don’t know your life!« ab und erfüllte damit mal wieder alle Erwartungen. Wahrscheinlich könnte er auch den BVG-Fahrplan präsentieren und ich würde mich darüber schlapp lachen.
FontBureau-Gründer Roger Black nahm sich zu Beginn des dritten Tages meines Lieblingsthemas an, den Webfonts. Auch hier hatte ich das Gefühl: alle wollen sie, aber keiner weiß so recht wie. Hervorragend recherchiert und zusammengetragen war die »kurze Geschichte der Perspektive« von Nick Shinn, obgleich es von vielen als eine Art Kontrastprogramm zu unterhaltenden Nabelschauvorträgen empfunden wurde, aber gerade deshalb auch auf seine Art herausstach. Den fachlichen Abschluss gestaltete diesmal Sol Sender, der sich für die Kampagne zu Barack Obamas Präsidentschaftskandidatur verantwortlich zeigte. Spannende Einblicke in das Kommunikationsdesign der ganz großen Weltpolitik, es hätte kaum besser enden können.
Eine kleine aber wichtige Randnotiz: Die neue Webseite von FontShop Deutschland feierte auf der TYPO nach langer Entwicklungszeit Premiere. Weitere Berichte von Besuchern der Konferenz wurden hier zusammengetragen. Das Thema des nächsten Jahres ist Lust. Den fälligen Wortwitz dazu erspare ich mir.
Der Termin für den nächsten Berliner Typostammtisch steht: am 9. April um 19 Uhr sind wieder alle Typohungrigen eingeladen, daran teilzunehmen. Eine einfache Anmeldung per E-Mail genügt, um dabei zu sein. Den Abend mit Präsentationen ihres Schaffens ausfüllen werden Muiz Anwar, der [in englischer Sprache] kurz über arabische Typografie referiert, sowie Jörg Petri, der sein für Michael Fakesch produziertes typografisches Musikvideo »DOT« vorstellt.
In den seltensten Fällen veröffentliche ich die recht häufig an mich geschickten Veranstaltungshinweise. Da mich nun jedoch erstmalig [!] und gleich zwei E-Mails mit persönlicher Ansprache [klingt selbstverständlich, ist es aber offenbar nicht] erreichten, weise ich zur Feier des Tages kurz auf jene typografische Events hin, denen ich auch gern beiwohnen würde. Vielleicht schaffe ich es zumindest zu einem von beidem.
Die erste Veranstaltung ist das Typosymposium 33pt.Eskapade in Dortmund, veranstaltet vom Fachbereich Design der ortsansässigen Fachhochschule. Die Referentenliste kann sich durchaus sehen lassen: von Phil Baines über Martin Majoor und Prof. David Crow bis hin zu »Mr. FontStruct« Rob Meek verspricht 33pt ein spannendes, allein von Studenten organisiertes Highlight zu werden. Die Termine sind der 3. und 4. April 2009.
Bei der zweiten Veranstaltung handelt es sich um die traditionsreichen Leipziger Typotage am 16. Mai 2009 im Museum für Druckkunst in Leipzig. Das diesjährige Thema lautet »Typografie und Verpackung – Was macht die Schrift auf der Schachtel?«. Vortragende sind keine der üblichen typografischen Verdächtigen, sondern Redner wie zum Beispiel Armin Angerer [Peter Schmidt Group], Prof. Ulrike Herzau-Gerhardt und Julius Wiedemann [Taschen], was allerdings nicht minder interessant werden dürfte.
Das Pecha-Kucha-Konzept des 12. Berliner Typostammtisches ging absolut auf: Neun Typografiefreunde zeigten den etwa 40 Anwesenden je 20 Folien, die jeweils nach genau 20 Sekunden wechselten, und referierten darüber. Obwohl diese 20 Sekunden lang oder kurz werden können, waren sie an diesem Abend kurz[weilig], denn die Vortragenden brannten ein Feuerwerk der Kreativität und Inspiration ab. Das Konzept schreit nach einer Fortsetzung, zu der es wahrscheinlich im Herbst kommen wird. Bilder vom Abend gibt es im Flickr-Pool.
The concept for the 12th Berlin Type Gathering [as Microsoft’s Si Daniels prefers to call it] was Pecha Kucha – and worked out great: Nine typography freaks held type-related presentations [see pictures in the Flickr pool], each one allocated 20 slides – with one slide on screen for exactly 20 seconds. These nine individuals consistently sparked fireworks of creativitiy and inspiration at the “gathering” thanks to their engaging presentations. This is what they talked about:
Dan Reynolds [der ebenfalls über den Abend auf TypeOff.de schreibt] sprach über die Typografie indischer Zeitungen | Dan Reynolds [who wrote about the event on TypeOff.de as well] on Hindi newspaper typography
Frank Rausch sprach über den von ihm betreuten Relaunch von LucasFonts | on the LucasFonts website relaunch
Der erste Berliner Typostammtisch des neuen Jahres findet am Donnerstag um 19 Uhr an bekanntem Ort statt. Jeder Schriftinteressierte ist dazu herzlich eingeladen, eine kurze E-Mail reicht wie üblich für eine erfolgreiche Anmeldung. Diesmal wird es im Rahmen eines ペチャクチャ [Pecha Kucha] verschiedene knappe Vorträge zu den Themen Typografie, Schrift und Grafikdesign geben. Sehr gerne darf jeder, der sich hierzu berufen fühlt, seine eigenen 20 Folien in je 20 Sekunden vorstellen. Wichtig ist lediglich die rechtzeitige Anmeldung.
Grafik gesetzt in FF Mister K von FSI FontShop International
Auch zum Ende des aktuellen Jahres möchte ich mit einer typografischen Retrospektive auf die interessantesten Neuerscheinungen digitaler Schriften blicken. 2008 war ein ähnlich gutes Jahr für die Freunde der Buchstaben und Zeichen wie das Jahr zuvor. Einige sinnvolle und schöne Schriften wurden gleichermaßen von etablierten wie aufstrebenden Foundries veröffentlicht. Daraus eine Auswahl von zehn besonders bemerkenswerten zu wählen, ist eine Herausforderung, der ich mich aber gern und vor allem ungefragt stelle.
[imaginärer Trommelwirbel] Sehen Sie hier also, meine lieben Leser, die Top Ten der besten Schriften des Jahres 2008:
Capsa von Dino dos Santos [DSType]
Ich habe ein Herz für bibliophile Schriften. Wenn diese dann noch verschwenderisch mit Ligaturen umgehen, sich Zierbuchstaben gönnen und sich mit vielen nützlichen Ornamenten schmücken, ist die vornehme Zurückhaltung auch schon dahin. Capsa vom talentierten portugiesischen Gestalter Dino dos Santos ist eine Schrift von eben solchem Schlage und für mich eine der Entdeckungen des Jahres. Ihre relativ unruhige Kursive schafft es, nicht störend, sondern elegant zu wirken. Es ist aber vor allem die Kontraststärke der Aufrechten, die ihr einen ganz eigenen Charakter gibt. Eine hervorragende Wahl für das Setzen eines Buches.*
FF Trixie High Definition Typewriter Fonts von FontFont auf Vimeo
[Video: Erik van Blokland, Musik: Just van Rossum]
Die Trixie ist die wohl berühmteste digitale Schreibmaschinenschrift der Welt und bereits 17 Jahre alt. 2008 wurde sie unter Berücksichtigung der Möglichkeiten des OpenType-Formats einer kompletten Überarbeitung unterzogen. Was wir heute vor uns haben, ist quasi eine völlig neue Schrift und gehört daher zu Recht in diese Top Ten der Neuerscheinungen. Sie besteht aus über 14 Millionen Punkten und derart vielen Dateiinformationen, dass jeder der Pro-Fonts je eine Dateigröße von über 13 MB hat – Rekord! Ihr Gestalter ließ die Punkte automatisch von einem Skript zählen. Es benötigte dafür sieben Stunden. Die unzähligen Alternativen [sieben pro Buchstabe in der FF Trixie HD] und OpenType-Features wie zum Beispiel automatisches Grundlinienhüpfen oder Farbbandeffekte lassen das typografische Herz erfreuen. Erik van Blokland hat hier die perfekte digitale Imperfektion erschaffen.
Archer von Jonathan Hoefler, Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan
[Hoefler & Frere-Jones]
Die Archer ist eine Slab Serif, die bereits 2001 exklusiv für das Martha Stewart Living Magazine gestaltet wurde. Seit diesem Jahr ist sie nun auch im normalen Retail-Handel verfügbar. Slab Serifs prägen nicht nur die amerikanische Magazinlandschaft seit Jahren, sondern seit einiger Zeit auch die hiesige. In der wie Pilze aus dem Boden schießenden Masse dieser Art Schriften ist die Archer die vielleicht femininste. Sie besticht durch ein selbstbewusstes, aber zugleich zurückhaltendes Design.
FF Netto von Daniel Utz [FontFont]
Daniel Utz’ Debütschrift schlug in diesem Jahr ein wie eine Bombe. Sind es die alle historischen Wurzeln verleugnenden reduzierten Formen? Ist es die minimal moderne Anmutung? Sind es die hilfreichen, auf den kleinsten Nenner gebrachten Icons und Piktogramme? Wahrscheinlich ist der Grund für ihren Erfolg von allem etwas. Die FF Netto eignet sich bestens als Web-2.0-Logoschrift, für ein Bandlogo auf einem Plattencover oder für ein mittelgroßes Wegeleitsystem. Man ist doch erstaunt, wie weit man bei der Detailreduzierung von Piktogrammen gehen kann, ohne Aussagekraft zu verlieren.
Bree von Veronika Burian und José Scaglione [TypeTogether]
Die Bree ist eigenartig. Sie will eine Sans Serif sein, versteckt jedoch nicht ihre handgezeichnete Extravaganz. Ihre Aufrechten sind geprägt von typisch kursiven Merkmalen. Das alles gibt ihr ein erfrischendes Antlitz. Ein durchdachter Ausbau feinster OpenType-Features, zum Beispiel Alternativbuchstaben und Ziffernsätze, gepaart mit einem umfangreichen Sprachausbau komplettieren diese außergewöhnliche Schrift. Mit TypeTogether von Veronika Burian und José Scaglione wächst eine viel versprechende Foundry heran, die man zukünftig auf dem Schirm haben sollte.
Giorgio von Christian Schwartz [Schwartzco]
Das Modemagazin T der New York Times nutzte die Giorgio des sympathischen Christian Schwartz zuerst. Genau dort passt sie auch hin: neben eitle, grazile, surreal schöne Models voller Anmut. Mit diesen Adjektiven kann man wohl auch am ehesten die Giorgio beschreiben. Eine Headline-Schrift, die sich nicht mit einer Headline zufrieden gibt, sondern immer mehr will. Großes Typokino.
History von Peter Biľak [Typotheque]
[Bild: Matúš Bence]
Peter Bilaks History beruht auf der Idee, eine versale Schriftfamilie zu gestalten, die durch gemeinsame Schriftdicken gekennzeichnet und metrisch so aufeinander abgestimmt ist, dass sie in vielfältiger Art und Weise kombiniert werden kann. Dadurch ergeben sich nahezu unendliche Kombinations- und Gestaltungsmöglichkeiten. Viele Jahre arbeitete Peter Bilak mit Unterstützung von Eike Dingler, Ján Filípek, Ondrej Jób und Ashfaq Niazi an dieser riesigen Familie. Entstanden ist eine nützliche Konzeptschrift, die zum Spielen anregt. Allein schon deshalb in den diesjährigen Top Ten.
Carmen & Carmen Fiesta von Andreu Balius [Typerepublic]
An der Carmen reizt mich insbesondere die Kombinationsmöglichkeit mit der Carmen Fiesta. Während die eigentliche hochkontrastige Variante einem Text Eleganz verpasst, ist die Fiesta das extravagante Pendant für Headlines und besondere Auszeichnungen. Ornamente und Symbole lassen auch hier der Fantasie freien Lauf.
Comenia von František Štorm, Tomáš Brousil und Radana Lencová [Storm Type]
Die Comenia besteht aus 19 Einzelschnitten: Regular, Italic, Bold und Bold Italic der Serifenversion, die selben Schnitte plus einer Medium und Medium Italic für je die serifenlose Version und die Sans Condensed sowie drei Script-Schnitte. Es wurde beispielsweise darauf geachtet, dass die Sans Serif mit der Serif die Höhen der Groß- und Kleinbuchstaben gemein haben sowie die Längen der Ober- und Unterlängen. Dieses umfangreiche typografische System bedurfte gleich drei Schriftgestalter, die sich die Erschaffung neuer ästhetischer Standards mit verbesserten Leseeigenschaften speziell für Schüler und Studenten zum Ziel setzten. Dem Gestaltungsprozess gingen umfangreichen Forschungsaktivitäten im Bereich der Ergonomie des Schreibens, Lesens, Druckens und Digital Publishings sowie der historischen Schriftentwicklung voraus. Eine sehr gelungene umfangreiche Schriftfamilie.
Klavika Condensed von Eric Olson [Process Type Foundry]
Die originale Klavika gehört zu meinen Lieblingsschriften, ich bin hier also zugegebenermaßen etwas voreingenommen. Die nun von Eric Olson vorgelegte Klavika Condensed gefällt mir aber sogar nochmal ein kleines Stück besser als das Original, auch wenn man natürlich beide nicht miteinander vergleichen kann, sondern im gemeinsamen Kontext betrachten sollte. Ursprünglich als Custom Font für Chevrolet entstanden, schafft es die Condensed, die Funktionalität und Wirkung ihrer großen Schwester beizubehalten und trotzdem gleichzeitig eine Lücke in der Gesamtfamilie zu schließen. Ihr sinnvoller Ausbau in Light, Regular, Medium, Bold und den jeweils passenden Kursiven macht die Klavika Condensed aber dennoch auch als unabhängige Kleinfamilie interessant.
Puh … das sind also, die aus meiner Sicht besten Schriften des Jahres. Die Herausforderung, sich dabei lediglich auf zehn zu beschränken, war in der Tat groß. Schriften wie die unglaublich reizvolle FF Pitu von Łukasz Dziedzic [FontFont], die indisch beeinflusste Shabash von Göran Söderström [PSY/OPS], die Textschrift Expo Serif von Mark Jamra [TypeCulture], die vom TDC ausgezeichnete FF Tisa von Mitja Miklavčič [FontFont], die OpenType ausreizende FF Nuvo von Siegfried Rückel [FontFont] oder die halbmodulare Geogrotesque von Eduardo Manso [Emtype] hätten gut und gern und vor allem zu Recht ebenfalls in der Liste auftauchen können und vielleicht sogar müssen und wurden von der einköpfigen Jury nur ungern und nach einem anstrengenden inneren Disput vorenthalten. Aber so mögen wir Typografen das. Man stelle sich nur mal den umgekehrten Fall vor. Vielen Dank also, ihr fleißigen Schriftgestalter, für ein wirklich kreatives Jahr.
*Für den doch etwas konventionelleren Typografen sei an dieser Stelle einer meiner Lieblings-FontFonts empfohlen, den es seit diesem Jahr endlich in der überarbeiteten OpenType-Variante gibt: die FF Clifford.
Eine gute Freundin fragte mich, ob ich ihr im Rahmen ihrer Diplomarbeit für ein Interview zur Verfügung stehe. Sie suche regelmäßige Leser von Tageszeitungen zwischen 20 und 30 Jahren. Das Altersschema passte zwar [noch], jedoch beziehe ich alle Informationen, die [mir] wichtig sind, über verschiedenste Angebote im Netz. Allenfalls »Die Zeit« schafft es noch dann und wann auf meinen Frühstückstisch. Dann muss ich aber wissen, dass ich selbige auch am bevorstehenden Wochenende habe. Gut, dann leite die Anfrage einfach an deine zeitungslesenden Freunde weiter, so ihre folgende Bitte. Ich überlegte sehr angestrengt, doch wollte mir partout niemand unter 30 einfallen, der noch regelmäßig Zeitung liest.
Jüngst trat ein großes britisches Designmagazin an unsere Firma heran und offerierte uns folgendes Angebot: Für einen nicht unerheblichen vierstelligen Pfund-Betrag würden wir Editorial Content erhalten, würde man also über uns im Rahmen eines Beitrages schreiben. Man hätte bereits mehrere Schrifthersteller für eine entsprechende Serie gewinnen können. Selbstverständlich lehnten wir diese Anfrage ab. Welcher Leser von Fachmagazinen möchte solche Artikel vorgesetzt bekommen? Wo bleibt der inhaltliche Mehrwert, wenn die Berichterstattung lediglich noch eine Frage des Geldes ist?
Diese und andere Beispiele, ja selbst wissenschaftliche Studien, aber vor allem das zweite Beispiel lassen mich nun endgültig an der Zukunft der gedruckten Medien zweifeln. Lange war ich selbst als bekennender Günter Internetzer überzeugt, dass die gute alte Dame Print in diesem Bereich dem Sturm noch eine Weile trotzen kann. Nun sinkt aber mein Vertrauen in ihre Standfestigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass der Druck nicht per sé dem Ende entgegen geht. Auf keinen Fall. Akzidenzen und Bücher werden in unserer Generation weiterhin gewichtigen Bestand haben, meine ich. Aber gedruckte Nachrichten in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen – hat das Zukunft?